Letzte Nacht hatte ich einen Traum. Ich träumte, ich hörte die Antrittsrede des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Europa an die europäischen Völker, etwa um das Jahr 2029/2030. Nach dem aufwachen habe ich noch schlaftrunken versucht, die Bruchstücke meiner Erinnerung zusammenzusetzen und die rhetorischen Lücken zu füllen.
Das ist das Ergebnis:
An meine europäischen Mitbürger
Bürger der Europäischen Föderation, vor vierundachtzig Jahren, in einem vor einem noch ganz unter dem Eindruck der den Nachwirkungen des Krieges stehenden Publikum in Zürich, sprach Winston Churchill [1] von einer „Lösung“, die die meisten für reine Fantasie hielten. Er sprach von den „Vereinigten Staaten von Europa“. Während der seither vergangenen Jahrzehnte haben wir diese Vision eher wie ein kostbares Erbstück behandelt – gelobt in Reden, aber für ein unbestimmtes „Irgendwann“ sicher hinter dem Glas einer Vitrine verwahrt.
Heute öffnen wir diese Vitrine.
Wir stehen heute nicht hier, weil es so einfach war oder weil wir endlich in allen Punkten übereinstimmen konnten. Wir stehen hier, weil, wie Mario Draghi einst warnte, die Welt aufgehört hat, darauf zu warten, dass Europa schließlich zu sich selbst findet. Wir stehen hier, weil das „sterbliche Europa“ unserer Vergangenheit – bedrängt von den Giganten des Ostens und Westens – sich endlich entschieden hat zu leben.
Der Monolith und das Mosaik
An die Welt jenseits unserer Grenzen gerichtet: Hört gut zu: Europa ist nun geeint. Die Ära des “konföderierten Gemurmels” ist vorbei. Von diesem heutigen Tag an werden unseren Handel, unsere Sicherheit und unsere Souveränität in unsere eigenen Hände. Wir werden mit einer einzigen, unmissverständlichen Stimme sprechen. Wir sind von Natur aus friedliebend, aber immer auch verteidigungsbereit. Wir bitten nicht länger um einen Platz am Tisch der Großmächte. Wir haben unseren eigenen geschaffen.
Doch an die Bürgerinnen und Bürger innerhalb unserer Grenzen richten wir dieses Versprechen: Europa bleibt vielfältig. Unsere Stärke liegt nicht darin, ein „Schmelztiegel“ zu werden, der die polnische Seele, den französischen Geist oder den griechischen Intellekt auslöscht. Unsere Föderation ist im Inneren ein Mosaik , kein Monolith, wie er nach außen wirkt. Unsere neue Charta der Vielfalt stellt sicher, dass wir zwar zum Überleben zusammenstehen, aber im Herzen 27 bleiben. Der „Brüsseler Bürokrat“ wurde durch den „Hüter gemeinsamer Interessen“ ersetzt – einen überzeugten Vertreter der Aufklärung, der weiß, dass die besten Entscheidungen bürgernah getroffen werden.
Die Wiedergeburt der Aufklärung
Unsere Gründung ist nicht nur ein Vertrag. Sie ist eine Philosophie. Wir sind die nachkommen der Europäischen Aufklärung.
- Wir stellen die Vernunft über kleinliches "Stammesdenken" aus der Vergangenheit.
- Wir wählen die Freiheit es Einzelnen anstelle der algorithmischen Kontrolle, die des Ostens.
- Wir entscheiden uns für den Gesellschaftsvertrag und gegen die ungezügelte Individualität des Westens.
Die USA hatten 1790 ihren "Hamiltonscher Moment" [2] , unserer beginnt schon morgen. Wir werden die Wunder des nächsten Jahrhunderts finanzieren – nicht etwa mittels 27 konkurrierender Haushalte, sondern durch einen einzigen, gewaltigen europäischen Innovationsmotor. Wir werden die Zukunft nicht nur regulieren. Wir werden sie gestalten.
Die ersten 100 Tage: Unser Versprechen
In den nächsten 100 Tagen werden wir nicht einfach nur Gesetze verabschieden; wir werden unsere Realität verändern..
- Mit einer Stimme: Unsere Botschaften werden zusammengelegt und unser militärisches Kommando vereinheitlicht, um sicherzustellen. Kein europäischer Soldat jemals wieder allein dastehen.
- Die Staatsanleihen: Wir werden die größte Investition in grüne und Fusionsenergie und KI-Autonomie starten, die die Welt je gesehen hat.
- Am Puls der Bürger: Wir werden die Bürokratie bändigen, die unsere Kleinstädte erstickt hat, und die Macht in die Regionen zurückbringen, während die Föderation die Tore bewacht.
Mit dem heutigen Tag wird Geschichte geschrieben. Nicht als den Tag, an dem wir unsere nationalen Identitäten aufgaben, sondern als den Tag, an dem wir endlich den Mut fanden, sie zu schützen. Wir sind nicht länger ein Spielball der Imperien. Wir sind die Europäische Föderation. Wir sind der Dritte Weg.
Europa soll sich erheben!!
Epilog
Vermutlich war dieser Traum durch den empfundenen Widerspruch inspiriert, dass der Ruf nach der erforderlichen Transformation des losen europäischen Staatenbundes zu einem Bundesstaat in den letzten 80 Jahren aus vielen prominenten Mündern zu hören war, ohne das etwas geschah. Es gab kaum Gegenmeinungen. Tatsächlich wurde dazu praktisch nichts dazu entgegnet – nur freundliches Nicken und bewusstes Ignorieren.
Welche gegenläufigen Kräfte hielten uns so lange zurück? Waren es Trägheit, Ängste, persönliche Karriereerwägungen oder der freundliche, aber bestimmte Hinweis einer Großmacht, dass „wir“ das nicht wollten?
Diese Gedanken gingen mir schon den Kopf, bevor ich ins Bett ging.
Da diese Forderungen nun wieder immer häufiger zu hören sind, können wir das als Zeichen dafür werten, dass die Vision von der Vollendung dieses unvollendeten historischen Prozesses wieder an Bedeutung gewinnt? Seit mehr als 80 Jahren wartet die, in diesen Reden vage angedeutete „Zukunft“ auf ihre Verwirklichung.
Ist ihre Zeit nun endlich gekommen?
Aufbauend auf den philosophischen Grundlagen der "Europäer des Planeten" ist derzeit ein weiterer politischer Essay in Arbeit, der demnächst hier erscheinen wird.
Also bitte, dran bleiben.
Einige historische Fußnoten
[1] Winston Churchill’s "Zürcher Rede" (1946)
Am 19. September 1946 hielt Winston Churchill an der Universität Zürich eine wegweisende Rede. Zu einer Zeit, als Europa buchstäblich in Trümmern lag, schlug er die Gründung der “Vereinigten Staaten von Europa” vor, um ein Wiederaufflammen von Nationalismus und Krieg zu verhindern.
- Die Erkenntnis: Churchill erkannte, dass nur eine einheitliche Struktur die Sicherheit und den Wohlstand gewährleisten konnte, die für die Erholung des Kontinents notwendig waren.
- Die Nuance: Obwohl er ein „Sponsor“ der Idee war, betrachtete er Großbritannien bekanntermaßen eher als freundlichen Nachbarn dieser Föderation denn als direktes Mitglied – eine Spannung, die die europäische Politik für die nächsten 75 Jahre prägte.
[2] Der „Hamiltonsche Moment“
Dieser Begriff bezieht sich auf Alexander Hamilton , den ersten Finanzminister der USA, der 1790 den US-Kongress davon überzeugte, die Schulden der einzelnen Bundesstaaten zu „übernehmen“ und damit faktisch eine einzige Bundeskreditsumme schuf.
- Warum das für Europa wichtig ist: In der modernen EU-Politik bezeichnet ein „Hamiltonscher Moment“ die Entstehung gemeinsamer europäischer Schulden (erstmals zu sehen beim Wiederaufbaufonds NextGenerationEU 2020).
- Die Transformation: Sie markiert den Übergang von einer „Ansammlung von Staaten“ zu einer „Fiskalunion“. Wenn die Föderation gemeinsam Kredite aufnimmt, gewinnt sie die wirtschaftliche Stärke einer Supermacht, wodurch sie massive Projekte (wie die Energieunabhängigkeit) finanzieren kann, die sich keine einzelne Nation allein leisten könnte.

No comments:
Post a Comment