2026-08-14

Warum nennen wir unsere Gemeinschaft eine Mitgliederpartei?

Weil Politik zu wichtig ist, um sie politischen Profis zu überlassen

Dieser Satz wird häufig Charles de Gaulle zugeschrieben. Er will sagen: Politik sei eine zu ernste Angelegenheit, um sie Politikern zu überlassen.

Ob diese Zuordnung nun gesichert ist oder nicht: Der Gedanke selbst ist weit verbreitet. Ja, er ist beinahe Allgemeingut geworden. Viele Menschen würden der Aussage zustimmen, dass Politik zu wichtig ist, um sie ausschließlich jenen zu überlassen, die sie zu ihrem Beruf gemacht haben.

Und doch tun wir in der Praxis genau das.

Für die meisten Bürgerinnen und Bürger beschränkt sich politische Beteiligung weitgehend darauf, alle paar Jahre zur Wahl zu gehen, gelegentlich eine Petition zu unterschreiben, vielleicht einen Artikel weiterzuleiten — und dann wieder ins private Leben zurückzukehren, mit jener vertrauten Mischung aus Hoffnung, Frustration und Resignation.

Wir wollen das ändern.

In unserem ersten Beitrag dieser Reihe, Warum überhaupt eine politische Partei?, haben wir argumentiert, dass eine Partei nicht die Mission selbst ist, sondern das verfassungsrechtliche Vehikel, mit dem zivile Unzufriedenheit zu politischer Wirkung werden kann.

In unserem zweiten Beitrag, Warum haben wir Europäer eine deutsche Partei gegründet?, haben wir erklärt, warum eine europäische politische Mission zunächst durch eine nationale rechtliche Tür gehen musste. Europäer für den Planeten begann als deutsche Partei — nicht, weil uns Deutschland genügen würde, sondern weil Deutschland der Ort war, an dem die wirkliche institutionelle Arbeit für uns beginnen konnte.

Doch sobald eine solche Partei existiert, stellt sich unausweichlich die nächste Frage:

Wer gibt dieser Partei ihr Leben?

Unsere Antwort ist klar:

  • Nicht die Gründer.
  • Nicht der Vorstand.
  • Keine charismatische Führergestalt.
  • Nicht eine professionelle politische Klasse.
  • Sondern die Mitglieder

Deshalb nennen wir unsere Gemeinschaft eine Mitgliederpartei.

Was: Eine Partei, deren Lebenskraft von ihren Mitgliedern kommt

Unsere strategische Aussage lautet:

Europäer für den Planeten ist als Mitgliederpartei angelegt: als eine Partei, deren Lebenskraft nicht von Gründerfiguren, Vorsitzenden oder charismatischen Rettern ausgeht, sondern von politisch verantwortlichen Mitgliedern, die sich einem gemeinsamen Programm verpflichtet fühlen.

Das bedeutet nicht: eine Partei ohne Führung.

Das wäre naiv.

Jede ernsthafte Organisation braucht Rollen, Mandate, Verfahren, Verantwortung und Entscheidungsfähigkeit. Eine Partei, die nicht entscheiden kann, kann nicht handeln. Und eine Partei, die nicht handeln kann, bleibt ein Debattierzirkel — ganz gleich, wie edel ihre Absichten sein mögen.

Seien wir also präzise:

Eine Mitgliederpartei ist keine Partei ohne Führung. Sie ist eine Partei, in der Führung den Mitgliedern, dem Programm und der Mission dient — nicht umgekehrt.

Diese Unterscheidung ist entscheidend.

In der gewöhnlichen Parteipolitik werden Mitglieder oft wie Dekoration behandelt. Sie applaudieren, spenden, verteilen Flugblätter, besuchen Versammlungen, legitimieren Entscheidungen, die andernorts längst getroffen wurden — und verschwinden anschließend wieder im Hintergrund. Das sichtbare Zentrum wird von Persönlichkeiten besetzt: Gründerinnen und Gründern, Vorsitzenden, Kandidatinnen und Kandidaten, Fraktionsfiguren, Mediengesichtern, aufstrebenden Stars.

Wir wollen diese Logik umkehren.

  • Die Gründer mögen das Projekt angestoßen haben, aber sie besitzen es nicht.

  • Der Vorstand mag führen, aber er darf nicht dominieren.

  • Die Sprecherin oder der Sprecher mag repräsentieren, aber nicht herrschen.

  • Arbeitsgruppen mögen Vorschläge vorbereiten, aber sie dürfen nicht zu geschlossenen Priesterschaften werden.

Mitglieder mögen beraten und entscheiden, aber nicht bloß Stimmungen, Impulsen oder Online-Wellen folgen.

  • Das Programm ist der gemeinsame Bezugspunkt.
  • Die Mission ist der Auftrag der Organisation.
  • Die Mitglieder sind ihr lebendiges Zentrum.

Wie: Verteilte Verantwortung statt persönlicher Herrschaft

Wie soll eine solche Mitgliederpartei funktionieren?

Zunächst dadurch, dass Aufgaben und Rollen verteilt werden.

Eine politische Partei braucht einen Vorstand, aber der Vorstand darf nicht zur Partei werden. Sie braucht Gründerinnen und Gründer, aber die Gründer dürfen nicht zum Mythos werden. Sie braucht öffentliche Stimmen, aber diese Stimmen dürfen nicht mit eigener Meinung im Namen der Partei verwechselt werden. Sie braucht Kompetenz, aber Kompetenz muss rechenschaftspflichtig bleiben.

Langfristig muss das öffentliche Gesicht der Partei nicht ihr Gründer oder ihr Vorsitzender sein. Es kann sehr wohl eine Sprecherin sein — idealerweise eine Frau — deren Aufgabe nicht darin besteht, die Partei persönlich zu verkörpern, sondern dem Programm und den Mitgliedern hinter diesem Programm eine Stimme zu geben.

Das ist kein kosmetischer Punkt. - Es ist ein struktureller.

Wenn Vorsitz, Gründung, Strategie, öffentliches Gesicht und symbolische Identität der Partei in einer einzigen Person zusammenfallen, wird die Partei fragil. Sie wird anfällig für Eitelkeit, Erschöpfung, Skandale, mediale Überpersonalisierung und Reputationsangriffe. Schlimmer noch: Sie erzieht ihre Mitglieder dazu, Zuschauerinnen und Zuschauer der Leistung einer anderen Person zu werden.

Eine Mitgliederpartei muss Funktionen daher trennen.

  • Der Vorsitz hilft, geordnete Führung zu sichern.
  • Der Vorstand trägt organisatorische Verantwortung.
  • Die Sprecherin oder der Sprecher kommuniziert öffentlich.
  • Arbeitsgruppen entwickeln Wissen und Vorschläge.
  • Mitglieder beteiligen sich an Urteil, Beratung und Entscheidung.
  • Das Programm schafft Kontinuität über Personen hinweg.

Das beseitigt Führung nicht. Es zivilisiert sie.

  • Führung wird zur Dienstfunktion, nicht zum Besitz.
  • Sichtbarkeit wird zur Rolle, nicht zum Thron.
  • Autorität wird bedingt, nicht mystisch.
  • Repräsentation wird rechenschaftspflichtig, nicht theatralisch.

Warum: Schutz vor den Gefahren herkömmlicher Politik

Warum ist das nötig?

Wegen der Defekte herkömmlicher Politik, die wir bereits oft genug beschrieben haben.

Erstens zieht die Aussicht auf Macht — Macht über andere — zuweilen sonderbare Charaktere an. Nicht immer. Nicht zwangsläufig. Aber oft genug, um politisch gefährlich zu sein. Ein System, das Ehrgeiz, Selbstdarstellung, taktische Beweglichkeit und ständige öffentliche Performance belohnt, sollte sich nicht wundern, wenn es Menschen anzieht, die gerade in diesen Verhaltensweisen besonders begabt sind.

Zweitens verlangt die Karriereleiter des Politikerberufs einen erheblichen Teil der Aufmerksamkeit. Es gibt Ausschüsse, Fraktionen, Kandidaturen, Medienauftritte, Bündnisse, interne Rivalitäten, Reputationspflege und permanenten Wahlkampf. Inhalte spielen natürlich weiterhin eine Rolle. Aber unter solchen Bedingungen geraten sie leicht in den Dienst der Karriereabsicherung.

Drittens bleibt Personenkult eine der wiederkehrenden Versuchungen der Demokratie. Viele Bürgerinnen und Bürger sagen, sie wollten Beteiligung. Doch in Momenten der Angst sehnen sie sich nach jemandem, der entscheidet, durchgreift, vereinfacht, Hindernisse beseitigt und Rettung verspricht. Der starke Führer wird dann als eine Art politischer Herkules imaginiert, der alle Hindernisse hinwegfegt und das Volk in eine bessere Zukunft führt.

Die Geschichte liefert uns viele Gründe, dieser Fantasie zu misstrauen.

Starke Führer verwechseln öffentliche Mission häufig mit persönlichem Schicksal. Sie nutzen Politik als Fahrzeug für ihre eigene Legende. Sie dominieren Institutionen, statt sie zu stärken. Sie ersticken Widerspruch im Namen der Entschlossenheit. Und selbst dort, wo ihre Absichten nicht zerstörerisch sind, schwächt die Gewohnheit, auf Rettung zu warten, die demokratische Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger selbst.

Viertens sind exponierte Persönlichkeiten heute zunehmend verletzbar. Im Zeitalter sozialer Medien können Reputationen mit außerordentlicher Geschwindigkeit beschädigt oder zerstört werden. Eine anonym gestartete Schmierkampagne, ein manipuliertes Fragment, ein alter Satz aus dem Zusammenhang gerissen, eine koordinierte Welle der Empörung — all das kann eine Partei destabilisieren, die zu stark von einer einzigen sichtbaren Person abhängt.

Die Antwort darauf ist nicht Unsichtbarkeit. - Eine Partei muss sichtbar sein.

Die Antwort lautet: verteilte Sichtbarkeit, verteilte Kompetenz und verteilte Verantwortung.

Eine Mitgliederpartei beseitigt die Gefahren von Eitelkeit, Karriereismus, Führerkult oder Reputationsangriffen nicht. Aber sie verringert die Abhängigkeit von genau jenen Strukturen, die diese Gefahren so zerstörerisch machen.

Eine Mitgliederpartei ist nicht die alte Massenpartei

An dieser Stelle sollten wir ein Missverständnis vermeiden.

Wenn wir von einer Mitgliederpartei sprechen, meinen wir keine nostalgische Rückkehr zur alten Massenpartei des 20. Jahrhunderts.

Wir stellen uns keine riesigen Ortsvereine vor, keine endlosen Abendversammlungen, keine Papierakten, keine Verfahrensrituale und keine loyale Mitgliedschaft, die alle paar Jahre bloß Stimmen liefert. Ebenso wenig stellen wir uns eine Partei vor, in der jede Frage jederzeit von allen entschieden werden muss.

Das wäre keine Demokratie. Das würde zur Erschöpfung führen.

Eine moderne Mitgliederpartei muss intelligenter sein.

Sie muss unterschiedliche Grade der Beteiligung ermöglichen. Manche Mitglieder werden kontinuierlich mitarbeiten. Andere werden sich auf bestimmte Themen konzentrieren. Manche bringen berufliche Expertise ein. Andere bringen lokale Erfahrung ein. Einige helfen bei Kommunikation. Andere bei Verwaltung, Veranstaltungen, Recherche, Übersetzung, Finanzierung, Gestaltung, Technologie, Bildung oder Kandidatenunterstützung.

Nicht jedes Mitglied muss alles tun. Aber jedes Mitglied sollte als politisch mündiger Bürger ernst genommen werden.

Das bedeutet: Die Partei muss mehr bieten als Applaus und gelegentliche Mobilisierung. Sie muss Orientierung, Wissen, reale Aufgaben, verständliche Prozesse und sinnvolle Möglichkeiten zur Mitwirkung bieten.

Eine Mitgliederpartei sollte nicht fragen:

  • „Wie können wir unsere Mitglieder benutzen?“

Sie sollte fragen:

  • „Wie können wir Bürgerinnen und Bürger befähigen, politische Verantwortung mitzutragen?“

Das ist eine ganz andere Frage.

Technik: nützlicher service, als Führung (noch) untauglich

Moderne Kommunikationstechnik kann uns dabei helfen.

Sie kann eine Mitgliederpartei in einer Weise möglich machen, die vor einer Generation kaum denkbar gewesen wäre. Mitglieder können sich über Regionen und Länder hinweg treffen. Dokumente können sofort geteilt werden. Programmentwürfe können gemeinsam kommentiert werden. Arbeitsgruppen können koordinieren, ohne reisen zu müssen. Wissen kann gespeichert, durchsucht, übersetzt und aktualisiert werden. Bürgerinnen und Bürger, die nicht an physischen Treffen teilnehmen können, können dennoch mitwirken.

Für ein europäisches Projekt ist das unverzichtbar.

Ohne digitale Kommunikation bliebe eine transnationale Mitgliederpartei langsam, teuer und sozial begrenz. Mit digitaler Kommunikation können Mitglieder in verschiedenen Regionen und Ländern gemeinsam lernen, beraten, organisieren und schließlich gemeinsam handeln.

Aber Technik nicht die Lösung unserer Probleme.

Sie kann sich in der Politik auch als schädlich erweisen.

  • Sie kann Beratung in permanentes Abstimmen verwandeln.
  • Sie kann Geschwindigkeit über Urteilskraft stellen.
  • Sie kann Empörung stärker belohnen als Nachdenken.
  • Sie kann Scheinbeteiligung erzeugen, während die eigentliche Tagesordnung andernorts gesetzt wird.
  • Sie kann neue informelle Eliten hervorbringen: jene mit Zeit, technischer Gewandtheit, rhetorischer Aggressivität, Plattformzugang oder Kontrolle über Daten.
  • Sie kann Politik lauter machen und zugleich weniger intelligent.
Einige dieser Elemente lassen sich heute bereits beobachten.

Unser Grundsatz sollte daher sein:

Moderne Kommunikationstechnik kann uns helfen, eine Mitgliederpartei zu werden. 
Aber sie kann uns nicht zu einer machen.

Technik kann Informationen verteilen.

  • Sie kann Konsultationen beschleunigen.
  • Sie kann institutionelles Gedächtnis bewahren.
  • Sie kann mehrsprachige Zusammenarbeit unterstützen.
  • Sie kann helfen, eine Art politisches Wissenssystem aufzubauen — ein politisches Orakel, wenn man so will — durch das Mitglieder das Programm, die dahinterliegenden Überlegungen und die Weltsicht verstehen können, aus der es folgt.

Aber Technik kann Urteilskraft nicht ersetzen.

  • Sie kann Vertrauen nicht ersetzen.
  • Sie kann Verantwortung nicht ersetzen.
  • Sie kann Charakter nicht ersetzen.

Eine Mitgliederpartei muss Technik daher überlegt und mit Disziplin nutzen. Technik soll Beratung, Lernen und Rechenschaft unterstützen. Sie darf nicht zur Maschine für spontane Stimmungen, emotionale Mobilisierung oder digitalen Führerkult werden.

Die Plattform darf nicht zur Partei werden.

Was daraus folgt: Mitglieder müssen politisch mündig sein oder werden

Die Schlussfolgerung ist anspruchsvoll.

Eine Mitgliederpartei kann nicht aus passiven Sympathisantinnen und Sympathisanten bestehen, die darauf warten, von einer Führungsmannschaft geleitet und unterhalten zu werden.

Sie kann nicht aus Menschen bestehen, die Politik lediglich mit besserem Gewissen konsumieren wollen.

Sie kann kein Fanclub sein, keine Protest-Mailingliste, kein Debattierkreis und keine moralische Komfortzone.

Wenn die Mitglieder das lebendige Zentrum der Partei sein sollen, dann muss Mitgliedschaft etwas bedeuten.

  • Sie bedeutet, bereit zu sein zu lernen.
  • Sie bedeutet, bereit zu sein zuzuhören.
  • Sie bedeutet, bereit zu sein zu streiten, ohne zu zerstören.
  • Sie bedeutet, bereit zu sein Verfahren zu akzeptieren.
  • Sie bedeutet, bereit zu sein Programm und persönliche Meinung zu unterscheiden.
  • Sie bedeutet, bereit zu sein kleine, langweilige, notwendige Aufgaben zu übernehmen.
  • Sie bedeutet, bereit zu sein Verantwortung zu tragen, bevor man Einfluss fordert.

Deshalb ist eine Mitgliederpartei nicht der einfache Weg. - Sie ist der schwierigere Weg.

Aber sie ist auch der einzige Weg, der zu unserer Diagnose passt.

  • Wenn wir beklagen, dass Politik den Berufspolitikern überlassen wurde, dann müssen wir aufhören, Politik den Berufspolitikern zu überlassen.

  • Wenn wir Führerkulte kritisieren, dann müssen wir aufhören, auf Führer zu warten, die uns retten.

  • Wenn wir politisches Theater ablehnen, dann müssen wir das Handwerk politischer Arbeit lernen.

  • Wenn wir sagen, dass das Programm wichtiger sein soll als die Person, dann müssen wir eine Partei aufbauen, in der Mitglieder das Programm verstehen, entwickeln und verteidigen.

Eine Mitgliederpartei ist daher nicht bloß eine organisatorische Entscheidung. - Sie ist eine demokratische Aussage.

Sie sagt: Politik ist kein Schauspiel, das von wenigen für viele aufgeführt wird. Politik ist die gemeinsame Verantwortung von Bürgerinnen und Bürgern, die bereit sind, politisch mündig zu werden.

Deshalb nennen wir uns eine Mitgliederpartei.

  • Nicht, weil Mitglieder immer recht hätten. - Das haben sie nicht.
  • Nicht, weil Beteiligung jedes Problem löst. - Das tut sie nicht.
  • Nicht, weil verteilte Verantwortung einfach wäre. - Das ist sie nicht.
  • Sondern weil eine Partei, die demokratische Politik erneuern will, selbst damit beginnen muss, eine demokratischere Form von Politik zu praktizieren

Die Partei bezieht ihre Lebenskraft nicht aus prominenten Persönlichkeiten.

Sie bezieht ihre Lebenskraft aus Mitgliedern, die bereit sind, gemeinsam zu denken, zu lernen, sich zu organisieren und zu handeln.

Das ist das Versprechen. - Und es ist zugleich die schwere Aufgabe.

Am nächsten Freitag wenden wir uns der vierten Frage zu:

Warum wollen wir, dass wir alle Teilzeitpolitiker sind — und niemand Berufspolitiker?


Referenzen in annotierten APA 7-Format

  1. Brown, A. (2014). The myth of the strong leader: Political leadership in the modern age. Basic Books.
    •  Brown liefert die zentrale Referenz für die Kritik am Führerkult. Er stellt die verbreitete Annahme infrage, dass „starke“ Führungspersönlichkeiten — verstanden als dominante Figuren, die sich gegenüber Kolleginnen, Kollegen und Institutionen durchsetzen — notwendigerweise besonders erfolgreich oder bewundernswert seien. Für diesen Beitrag stützt seine Arbeit die These, dass demokratische Politik der Retterfantasie misstrauen und Programm, Institutionen sowie geteilte Verantwortung höher bewerten sollte als charismatische Dominanz.

  2. Gerbaudo, P. (2021). Are digital parties more democratic than traditional parties? Evaluating Podemos and Movimento 5 Stelle’s online decision-making platforms. Party Politics, 27(4), 730–742.
    • Gerbaudos Analyse ist besonders hilfreich für den vorsichtigen Umgang mit digitaler Parteibeteiligung. Er untersucht Parteien, die Online-Plattformen als Instrumente innerparteilicher Demokratie präsentieren, insbesondere Podemos und Movimento 5 Stelle. Seine Ergebnisse mahnen zur Vorsicht: Digitale Parteien können Beteiligung versprechen und dennoch stark top-down organisiert bleiben. Das unterstützt die Unterscheidung dieses Beitrags zwischen Technik als nützlichem Diener und Technologie als gefährlichem Herrn.

  3. Green Party of England and Wales. (2025). Constitution of the Green Party.
    • Die Satzung der Green Party of England and Wales ist ein praktisches Beispiel für eine Partei, die mehrere anti-personalistische Elemente institutionell verankert: Ko-Führung, Gremienstrukturen, Sprecherrollen und Rückrufmechanismen. Sie sollte nicht als Modell verstanden werden, das einfach kopiert werden kann. Sie zeigt aber, dass Führung, öffentliche Repräsentation und Rechenschaftspflicht strukturell voneinander getrennt werden können.

  4. Greens/EFA Group in the European Parliament. (2026). Our co-presidents.
    • Die Fraktion der Grünen/EFA im Europäischen Parlament bietet ein relevantes europäisches Beispiel für geschlechterbalancierte Ko-Präsidentschaft und institutionalisierte Machtteilung. Für den vorliegenden Beitrag ist dies nützlich, weil es zeigt, dass öffentliche Sichtbarkeit nicht zwangsläufig in einer einzigen dominanten Person konzentriert sein muss. Sichtbarkeit kann auch strukturiert, geteilt und rechenschaftspflichtig organisiert werden.

  5. Inter-Parliamentary Union & Parliamentary Assembly of the Council of Europe. (2018). Sexism, harassment and violence against women in parliaments in Europe. Inter-Parliamentary Union.
    • Diese Studie ist wichtig für das Argument, dass exponierte politische Persönlichkeiten, insbesondere Frauen, heute besonderen Angriffen ausgesetzt sind. Die Untersuchung berichtete, dass 58 Prozent der befragten Parlamentarierinnen bereits Ziel sexistischer Online-Angriffe in sozialen Netzwerken geworden waren. Das stützt die These, dass moderne Parteien ihre öffentliche Identität nicht zu stark auf eine einzelne Person konzentrieren sollten, sondern Sichtbarkeit, Unterstützung und Verantwortung verteilen müssen.

  6. Kling, C. C., Kunegis, J., Hartmann, H., Strohmaier, M., & Staab, S. (2015). Voting behaviour and power in online democracy: A study of LiquidFeedback in Germany’s Pirate Party. arXiv.
    • Die Studie zu LiquidFeedback in der deutschen Piratenpartei ist nützlich, weil sie sowohl das Potenzial als auch die Risiken digitaler Beteiligung untersucht. Sie analysiert die Entstehung sogenannter „Super-Voter“ in einem delegierten Online-Demokratie-System. Die Ergebnisse sprechen weder für blinde Begeisterung noch für pauschale Ablehnung digitaler Werkzeuge. Sie sprechen vielmehr für sorgfältiges institutionelles Design.

  7. Michels, R. (1962). Political parties: A sociological study of the oligarchical tendencies of modern democracy (E. Paul & C. Paul, Trans.). Free Press. Original work published 1911.
    • Michels ist die klassische Referenz für das „eherne Gesetz der Oligarchie“: die Tendenz demokratischer Organisationen, im Laufe ihres Wachstums Machtkonzentrationen und Führungsgruppen auszubilden. Seine Arbeit ist für eine Mitgliederpartei besonders relevant, weil sie vor Naivität schützt. Auch Organisationen mit demokratischem Anspruch können informelle Eliten, Routinen und Machtzentren entwickeln.

  8. OECD. (2020). Innovative citizen participation and new democratic institutions: Catching the deliberative wave. OECD Publishing.
    • Der OECD-Bericht dokumentiert den Aufstieg deliberativer Bürgerbeteiligung und analysiert zahlreiche Beispiele wie Bürgerräte, Bürgerjurys und Bürgerpanels. Er unterstützt die Grundannahme dieses Beitrags, dass Bürgerinnen und Bürger zu komplexen öffentlichen Fragen sinnvoll beitragen können, wenn Beteiligung informiert, strukturiert und deliberativ gestaltet wird. Zugleich unterstreicht er eine zentrale Warnung: Beteiligung wird nicht allein dadurch wertvoll, dass viele Menschen beteiligt sind. Sie muss gestaltet werden.

  9. Scarrow, S. E. (2015). Beyond party members: Changing approaches to partisan mobilization. Oxford University Press.
    • Scarrow ist besonders relevant für das Konzept einer modernen Mitgliederpartei. Sie zeigt, dass Parteimitglieder in parlamentarischen Demokratien historisch eine wichtige Rolle spielten: Sie halfen bei Mobilisierung, verbanden Parteiführungen sichtbar mit gesellschaftlichen Milieus und trugen zur organisatorischen Verankerung von Parteien bei. Zugleich hilft ihre Analyse, ältere Massenparteien von flexibleren modernen Formen parteipolitischer Mobilisierung zu unterscheiden.

  10. Shaw, A., & Hill, B. M. (2014). Laboratories of oligarchy? How the iron law extends to peer production. arXiv.
    • Shaw und Hill übertragen Michels’ Oligarchieproblem auf moderne Online-Gemeinschaften und Peer-Production-Projekte. Ihre Ergebnisse legen nahe, dass auch offen angelegte digitale Gemeinschaften im Laufe der Zeit Beteiligungsungleichheiten und verfestigte Führungsstrukturen entwickeln können. Das ist eine wichtige Warnung für jede Partei, die glaubt, digitale Offenheit allein verhindere Machtkonzentration.

  11. Tufekci, Z. (2017). Twitter and tear gas: The power and fragility of networked protest. Yale University Press.
    • Tufekcis Arbeit erklärt, warum schnelle digitale Mobilisierung nicht mit dauerhafter politischer Handlungsfähigkeit gleichzusetzen ist. Netzwerkbasierte Proteste können rasch wachsen und große Aufmerksamkeit erzeugen, leiden aber häufig darunter, dass sie die langsame organisatorische Arbeit überspringen, die für Strategie, Resilienz und Entscheidungsfähigkeit notwendig ist. Für diesen Beitrag stützt das die Unterscheidung zwischen Mitgliedern als bloßen Unterstützern und Mitgliedern als verantwortlichen Mitgestaltern.

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