2026-04-01

Was wäre, wenn Europa der Schweiz beiträte?


Ein politisches Gedankenexperiment zum 1. April

Ich nutze die Mehrdeutigkeit dieses Datums, das einen Freiraum  für allerlei unwahre Nachrichten, Witze und Provokationen bietet, um hier eine kühne, aber logisch überzeugende Utopie zu entwerfen.

Dieser Beitrag stellt eine gewagte Hypothese auf - und behandelt sie ernsthaft: Könnte die langjährige Erfahrung der Schweiz mit mehrsprachigem Föderalismus, dezentraler Legitimität, Neutralität und gesellschaftlichem Zusammenhalt Europa ein verfassungsrechtliches und geopolitisches Modell für die Zukunft bieten? 1

Eine listige Frage verlangt nach einer ehrlichen Antwort

Am 1. April mag man verzeihen, wenn das eher Unwahrscheinliche in Betracht gezogen wird. Doch manche Unwahrscheinlichkeiten offenbaren tiefere Wahrheiten, als es der nüchterne Realismus zulassen würde. Was wäre, wenn Europa – zersplittert, zögerlich und strategisch abhängig – sich nicht als ein Imperium oder technokratische bürokratische Integration, sondern als ein Modell wiederentdecken würde, das sich bereits in seiner Mitte bewährt hat? 2

Der Vorschlag mag zunächst absurd klingen: nicht „die Vereinigten Staaten von Europa“, nicht eine zentralisierte Republik, sondern ein kontinentaler Bundesstaat nach dem Vorbild der Schweiz. Und je mehr man über Europas Dilemmata der Legitimität, strategischen Abhängigkeit, sprachlichen Vielfalt und regionalen Diversität nachdenkt, desto weniger trivial erscheint dieses Gedankenexperiment 3.

Warum die Schweiz gegründet wurde: Ein Staatenbund gegen die Macht

Die Schweiz entstand nicht als idealistische Predigt für Toleranz. Sie entstand als Überlebensstrategie. Im Jahr 1291 schlossen die Waldkantone Uri, Schwyz und Unterwalden einen Verteidigungspakt, der Frieden, gegenseitige Hilfe und rechtliche Selbstverteidigung in einer strategisch exponierten Alpenregion gewährleisten sollte 4. Das Motiv war sowohl politischer als auch wirtschaftlicher Natur: Die Kontrolle über die Alpenverkehrswege, vor allem den Gotthardkorridor, machte die lokale Autonomie zu einer Frage existenzieller Bedeutung 5.

Warum geschah das? Und, wie konnte diese unwahrscheinliche Vereinbarung trotz gewaltiger dynastischer Widerstände, insbesondere gegen die habsburgischen Ambitionen, Erfolg haben? Mehrere Faktoren spielten zusammen. Generell erschwerte die Geografie Eroberungen. Die Wahrnehmung, gemeinsam Bedrohungen ausgesetzt zu sein, förderte die Solidarität untereinander. Die lokalen Eliten hatten allen Grund zur Kooperation, ohne dab ei ihre Autonomie aufzugeben. Und die Eidgenossenschaft war pragmatisch: Sie forderte nur das Notwendige ein – gegenseitige Unterstützung, grundsätzliche Friedfertigkeit und gemeinsame Verteidigung –, aber keine vollständige Verschmelzung 6.

  • Das gut zu verteidigende gebirgige Gelände begünstigte die lokalen Verteidiger.
  • Gemeinsamer äußerer Druck führte zu dauerhaftem inneren Zusammenhalt.
  • Die politische Zusammenarbeit blieb begrenzt und war daher akzeptabel.
  • Wirtschaftliche Anreize bestärkten den Willen, die Autonomie zu wahren.

In moderner analytischer Sprache ausgedrückt, entstand die Schweiz als ein dezentraler Sicherheitspakt kleiner politischer Gemeinschaften, die unter asymmetrischen Machtverhältnissen ihre Selbstverwaltung bewahren wollten.

Wie die Schweiz bis heute überlebte? 

Warum die Schweiz überlebte: Neutralität, Gleichgewicht und innerer Zusammenhalt

Die Beständigkeit der Schweiz ist vielleicht noch bemerkenswerter als ihre Entstehung. Jahrhundertelang von größeren, reicheren und oft militärisch stärkeren Nachbarn umgeben, überlebte sie dennoch, passte sich an und gedieh schließlich sogar . Diese Widerstandsfähigkeit ruhte auf drei miteinander verbundenen Säulen: der Neutralität, einem innerem Gleichgewicht und auf tiefer lokaler Legitimität 7.

Die 1815 formell anerkannte Neutralität war kein Ausdruck von Schwäche, sondern eine ausgeklügelte Überlebensstrategie. Die Schweiz signalisierte, dass sie nicht als Sprungbrett für Großmachtkonflikte dienen würde, gleichzeitig aber genügend militärische Glaubwürdigkeit bewahren konnte, um leichtfertige Aggressoren bazuschrecken 8.

Im Inland schaffte die Schweiz die Vielfalt nicht ab, sondern institutionalisierte sie. Deutsch-, Französisch-, Italienisch- und Rätoromanischsprachige Bevölkerungsgruppen wurden nicht in ein einheitliches, homogenes Schema gepresst. Auch religiöse Konflikte wurden durch institutionelle Kompromisse eingedämmt, anstatt per Zwang beigelegt zu werden 9.Das Ergebnis war eine politische Kultur, in der der Pluralismus regierte und nicht geleugnet wurde.

Schließlich entwickelte die Schweiz durch lokale Selbstverwaltung und direkte demokratische Teilhabe eine ungewöhnlich starke Legitimationsgrundlage 9. Die Bürger wurden nicht einfach regiert, sondern immer wieder zur Mitbestimmung aufgefordert. Dieser Unterschied zu den meisten anderen Demokratien scheint besonders bedeutsam zu sein 10.

Transformation: Vom losen Staatenbund zum Bundesstaat

Die Geschichte der Schweiz ist keine Geschichte statischer Kontinuität. Sie hat ihre Form wieder und wieder verändert. Der alte Staatenbund des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit unterschied sich wesentlich vom 1848 gegründeten Bundesstaat. In der Zwischenzeit war geprägt durch Bündnisse, Expansionen, konfessionelle Konflikte, die napoleonischen Wirren, die Restauration und die Neugestaltung der Verfassung 11.

Der entscheidende Wendepunkt war das Jahr 1848. Nach dem Sonderbundskrieg wandelte sich die Schweiz von einem relativ lockeren Staatenbund zu einem modernen Bundesstaat mit gemeinsamen Institutionen, wobei die kantonale Souveränität weitgehend erhalten blieb. Dieser Balanceakt ist eine ihrer größten verfassungsrechtlichen Errungenschaften: ausreichend Einheitlichkeit, um nach außen handlungsfähig zu sein, und genug Dezentralität, um akzeptiert zu bleiben 12.

Europa hat versucht, ein ähnliches Problem zu lösen. Es strebte nach Einheit, ohne die Vielfalt abzuschaffen, und nach Koordination, ohne die lokalen Identitäten auszulöschen. Doch die Schweiz hat dieses Dilemma offensichtlich eleganter gelöst.  Sie knüpfte eine wirksamere politische Ordnung an ein stärkeres Subsidiaritätsprinzip und die Zustimmung des Volkes .

Warum die Schweiz ein Vorbild für Europa sein könnte

Die Schweiz ist für Europa nicht aufgrund ihrer Lage oder Größe wichtig, sondern weil sie zeigt, dass politische Einheit keine kulturelle Homogenität erfordert. Französische, deutsche, italienische und rätoromanische Gemeinschaften teilen sich einen Staat, ohne vorzugeben, identisch zu sein. Das ist für Europa offensichtlich relevant : Europa schwankte oft zwischen zwei schlechten Optionen: entweder einer bloß lockeren Zusammenarbeit oder einer Integration, die sich für die Bürger zu weit von ihrem Alltag entfernt anfühlt 13.

Schweizer ErfahrungMögliche europäische Relevanz
Mehrsprachiges Zusammenleben innerhalb eines StaatesEuropa braucht keine einheitliche Sprache oder einheitliche Kultur vor einer Vertiefung der politischen Union.
Starke kantonale AutonomieRegionale / lokale Selbstverwaltung könnte die Legitimität von Europa als Staat stärken.
Direkte demokratische InstrumenteBürger könnten direkt in verfassungsrechtliche und strategische Fragen einbezogen werden.
Neutralität mit VerteidigungsbereitschaftEuropa könnte eine strategische Autonomie ohne eine Abhängigkeit von externen Großmächten erreichen.

Die EU hat bereits Elemente konföderaler und föderaler Logik verwirklicht. Doch mangelt es ihr oft an emotionaler Legitimität und verfassungsrechtlicher Klarheit.

Die Schweiz legt nahe, dass dauerhafte Einheit weniger durch administrative Hierarchien als vielmehr durch einen überzeugenden Pakt zwischen Völkern und Regionen entsteht.

Steuert Europa auf eine Situation ähnlich der frühen Schweiz zu?

Hier gewinnt das Gedankenexperiment an politischer Brisanz. Europa befindet sich heute im Spannungsfeld zwischen Großmächten und konkurrierenden geopolitischen Intgeressen. Es ist wirtschaftlich stark, kulturell reich und normativ einflussreich, aber gleichzeitig strategisch zögerlich und militärisch abhängig 14.

Darin wird eine strukturelle Parallele sichtbar – keine Identität, sondern eine Parallele – zu der Situation, aus der die Schweiz ursprünglich hervorging. Damals suchten kleine Alpengemeinden Sicherheit und Autonomie in einem rauen Umfeld stärkerer und aggressiver Nachbarn. Heute haben viele Europäer zunehmend das Gefühl, dass auch der Kontinent eine geschlossenere politische Struktur benötigt, um nicht länger nur die Arena zu bleiben, in der andere Akteure ihre Rivalitäten austragen.

Es reicht! Wir wollen nicht zwischen den Supermächten zerrieben werden. Wir wollen nicht in die Kriege anderer Nationen hineingezogen werden. Wir wollen vertrauenswürdig, friedlich,  aber verteidigungsbereit, respektiert und politisch souverän sein.

Dieser Satz ist noch nicht Europas bürgerliches Credo. Wir können uns jedoch Bedingungen vorstellen, unter denen es dazu kommen könnte.

Die Vision: Europa als Föderation von Kantonen

Nehmen wir daher die scherzhafte Hypothese vom 1. April für einen Moment ernst. Stellen wir uns vor, die Völker Europas kämen zu dem Schluss, dass die bestehende Kombination aus nationaler Zersplitterung und supranationaler Technokratie unzureichend sei. Sie entschieden sich stattdessen für eine radikal föderale, basisdemokratische Neugründung.

In dieser Vision dezentralisieren sich die heutigen Staaten intern und formieren sich extern neu. Deutsche und österreichische Bundesländer, französische Départements, italienische Regionen, spanische autonome Gemeinschaften und vergleichbare Gebietskörperschaften auf dem gesamten Kontinent würden zu den effektiven Bausteinen einer neuen europäischen Föderation. Europa würde seine Regionen nicht abschaffen, sondern sie aufwerten 15.

Die daraus resultierende Ordnung würde nicht zu zentralisierten Imperium werden. Sie würde eher einer kontinentalen Schweiz ähneln:

  • ein gemeinsamer Rahmen für Außen- und Verteidigungspolitik,
  • eine weitaus stärkere lokale Autonomie,
  • verfassungsmäßige Mehrsprachigkeit,
  • Subsidiarität als Leitprinzip statt als Schlagwort,
  • sowie Instrumente der direkten Demokratie für wichtige strategische Fragen.

Utopisch? Gewiss. Aber vielleicht nicht utopischer, als es die Schweiz einst war.

Einwände – und warum sie ernst genommen werden müssen

Das vorgestellte Modell ist nicht gegen allerlei Einwände immun: Europa ist weitaus größer als die Schweiz. Seine Geschichte ist von Kriegen, imperialen Ansprüchen und nationalen Gedächtnissen belastet. Seine soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten ist größer. Externe Verpflichtungen, Bündnisse und institutionelle Unterschiede sind weitaus vielfältiger. Diese Einwände sind berechtigt und lassen sich nicht schlicht ignorieren 16.

Das Ziel eines ernsthaften politischen Essays ist es jedoch nicht, Machbarkeit mit Bedeutung zu verwechseln. Es geht nicht darum, zu fordern, dass Europa sich buchstäblich „der Schweiz anschließen“ möge - auch wenn das der effektivste Weg wäre. Wir sollten uns vielmehr fragen, ob die schweizerische Verfassungslogik – Föderalismus, Neutralität, lokale Legitimität und Einheit in Vielfalt – Lehren birgt, die Europa noch nicht ausreichend verinnerlicht hat.

Ein Aprilscherz mit strategischem Ziel

Große politische Umwälzungen beginnen oft mit intellektuellen Provokationen. Sie beginnen mit Fragen, die töricht klingen, weil sie die emotionalen Gewohnheiten ihrer Zeit in Frage stellen. Die Schweiz selbst war einst eine Utopie, ein unwahrscheinlicher Zusammenschluss kleiner, alpiner Gemeinden. Auch die Europäische Union wäre einst als Fantasie abgetan worden.

Was wäre, wenn ganz Europa der Schweiz beiträte?“ ist daher mehr als ein Aprilscherz. Es ist eine bewusste Provokation. Sie regt uns dazu an, uns zu fragen, ob die Zukunft Europas weniger von der Zielvorstellung abhängt, ein Superstaat zu werden, als vielmehr davon, eine auf wechselseitigem Vertrauen basierende Föderation selbstbewusster Völker – demokratisch, international respektiert, friedlich, verteidigungsbereit und strategisch autonom. Europa muss weder ein neues Rom noch eine Kopie Amerikas werden. Es sollte stattdessen einfach schweizerischer werden - und das ziemlich bald.

Endnoten

  1. Die einleitende Darstellung stützt sich auf gängige Erklärungen des schweizerischen Föderalismus und der Konsensdemokratie, insbesondere auf Linders Interpretation der Schweiz als eines Gemeinwesens, das durch institutionelle Gestaltung tiefgreifende kulturelle Vielfalt bewältigen kann.
  2. Zur umfassenderen verfassungsrechtlichen und historischen Besonderheit des schweizerischen Falls siehe den prägnanten historischen Überblick von Church und Head.
  3. Für den konzeptionellen Hintergrund von Nation und politischer Gemeinschaft bleibt Andersons Theorie der „imaginierten Gemeinschaften“ grundlegend.
  4. Die Bundesurkunde von 1291 wird gemeinhin als symbolischer Ausgangspunkt der Schweizerischen Eidgenossenschaft angesehen, auch wenn Historiker zu Recht auf die Komplexität der frühen Staatsbildung in der Schweiz hinweisen.
  5. Die strategische Bedeutung des Alpentransits, insbesondere der Gotthardroute, ist ein immer wiederkehrendes Thema in Darstellungen über die Anfänge des Schweizer Zusammenhalts. 
  6. Church und Head betonen den pragmatischen, auf Bündnissen basierenden und oft zufälligen Charakter der Schweizer Anfänge; Mythos und historischer Prozess müssen sorgfältig unterschieden werden. 
  7. Lijpharts Arbeiten zur Konsensdemokratie tragen dazu bei zu erklären, warum Machtteilung und Kompromissbereitschaft gespaltene Gesellschaften stabilisieren können. 
  8. Die Schweizer Neutralität wurde 1815 auf dem Wiener Kongress von den Großmächten anerkannt und entwickelte sich fortan zu einem prägenden Element der Schweizer Außenpolitik. 
  9. Zu religiösen und sprachlichen Anpassungen in der Schweiz siehe Linders Analyse des Konfliktmanagements in multikulturellen Kontexten. 
  10. Die direkte Demokratie in der Schweiz ist nicht nur eine institutionelle Kuriosität; sie ist von zentraler Bedeutung für die Schaffung von Legitimität und politischem Vertrauen. 
  11. Die napoleonische Intervention, die Helvetische Republik und die Ordnung nach 1815 sind allesamt entscheidende Übergangsphasen in der verfassungsrechtlichen Entwicklung der Schweiz. 
  12. The Constitution of 1848 is widely seen as the decisive founding moment of modern Switzerland as a federal state. 
  13. Die Bedeutung der Schweiz für Europa liegt weniger in der Nachahmung als vielmehr in der Analogie: Verschiedene Völker können einen Staat teilen, wenn die Institutionen genügend Vertrauen genießen. 
  14. Zum Argument, dass die geopolitische Lage Europas eine größere strategische Handlungsfähigkeit und Autonomie erfordert, siehe die aktuellen politischen Debatten rund um die „strategische Autonomie“ sowie die längere intellektuelle Geschichte Europas als eigenständige politische Zivilisation. 
  15. In Italien werden die wichtigsten subnationalen Einheiten als regioni (Regionen) bezeichnet. Der hier vorgestellte konzeptionelle Vorschlag nutzt die bestehenden territorialen Einheiten Europas als Bausteine für eine künftige föderale Ordnung. 
  16. Milwards klassische Interpretation ist eine heilsame Korrektur: Die europäische Integration hat die Nationalstaaten historisch gesehen ebenso gestärkt, wie sie über sie hinausging. 

Referenzen

Anderson, B. (2006). Imagined communities (Rev. ed.). Verso.

  • Grundlegende Theorie der Nationenbildung und kollektiven Identität. Nützlich für die Frage, ob ein europäisches bürgerliches „Volk“ jenseits bestehender nationaler Narrative entstehen könnte.

Church, C. H., & Head, R. C.(2013).Eine kurze Geschichte der Schweiz. Cambridge University Press.

  • Eine der zuverlässigsten kurzen wissenschaftlichen Darstellungen der Geschichte der Schweiz. Besonders wertvoll für die mittelalterlichen Ursprünge des Landes, seine Entwicklung zum Schweizer Bund und seinen Wandel im Jahr 1848.

Europäischer Rat für Auswärtige Beziehungen. (2021). Strategische Autonomie: Europas Weg nach vorn.

  • Politisch orientierte Quelle für die moderne Debatte über Europas geopolitische Selbstbehauptung, Verteidigungsbereitschaft und verringerte externe Abhängigkeit.

Lijphart, A. (2012). Demokratiemuster: Regierungsformen und ihre Leistungsfähigkeit in 36 Ländern (2. Aufl.). Yale University Press.

  • Klassisches Lehrbuch der vergleichenden Politikwissenschaft. Die Schweiz dient als wichtiges Beispiel für Konsensdemokratie und institutionelle Anpassung in pluralistischen Gesellschaften.

Linder, W. (2010). Schweizer Demokratie: Mögliche Lösungen für Konflikte in multikulturellen Gesellschaften (3. Aufl.). Palgrave Macmillan.

  • Linder stellt einen direkten Zusammenhang zwischen Schweizer Institutionen und der umfassenderen Herausforderung her, diverse Gemeinschaften innerhalb eines Gemeinwesens zu regieren.

Milward, A. S. (2000). Die europäische Rettung des Nationalstaats (2. Aufl.). Routledge.

  • Ein wichtiger Gegenpol. Milward argumentiert, dass die europäische Integration die Nationalstaaten nicht so sehr ersetzt, sondern vielmehr gestärkt und gerettet hat.

Steiner, G.(2004). Die Idee Europas. Nexus Institute.

  • Philosophische und kulturelle Reflexionen über Europas zivilisatorische Identität. Hilfreich für ein tieferes intellektuelles Verständnis.

Schweizer Bundeskanzlei. (2023). Die Schweizerische Eidgenossenschaft: Ein kurzer Leitfaden. Bundesverwaltung.

  • Eine maßgebliche institutionelle Übersicht der Schweizer Bundesbehörden, die als Grundlage für die Diskussion der aktuellen Strukturen im Essay dient.

What if All Europe Joined Switzerland?


A Political Thought Experiment for April 1st

Taking advantage of the ambiguity that this date offers for all manner of news items, jokes and provocations, I would like to set out here a bold but logically compelling utopia.

Hence this essay embraces a daring hypothesis, yet treats it with full seriousness: could Switzerland’s long experience of multilingual federalism, decentralised legitimacy, neutrality, and civic cohesion offer Europe a constitutional and geopolitical model for the future?1

A tricky question calls for an honest answer

On April 1st, one may be forgiven for entertaining the improbable. Yet some improbabilities reveal deeper truths than sober realism allows. What if Europe—fragmented, hesitant, and strategically dependent—were to rediscover itself not through empire, nor through technocratic bureaucratic integration, but through a model already tested at its very heart?2

The proposition sounds absurd on first hearing: not “the United States of Europe,” not a centralised republic, but rather a continental federation inspired by Switzerland. And yet the more one reflects on Europe’s dilemmas of legitimacy, strategic dependency, linguistic plurality, and regional diversity, the less frivolous the thought experiment appears.3

Why Switzerland Was Created: A Confederation Against Power

Switzerland did not begin as an idealistic sermon on tolerance. It began as a survival strategy. In 1291, the forest cantons of Uri, Schwyz, and Unterwalden entered into a defensive pact intended to preserve peace, mutual aid, and legal self-protection in a strategically exposed Alpine region.4 The motive was both political and economic: control over Alpine transit routes, above all the Gotthard corridor, made local autonomy a matter of existential importance.5

Why did this improbable arrangement succeed against formidable dynastic odds, particularly against Habsburg ambitions? Several factors converged. Geography made conquest difficult. Shared threat perception encouraged solidarity. Local elites had every reason to cooperate without surrendering their autonomy. And the confederation was pragmatic: it asked only for what was necessary—mutual support, basic peace, and common defence—not for total fusion.6

  • Defensible mountain terrain favoured the local defenders.
  • Shared external pressure generated durable internal cohesion.
  • Political cooperation remained limited and therefore acceptable.
  • Economic incentives reinforced the will to protect autonomy.

In modern analytical language, Switzerland emerged as a decentralised security compact among small political communities seeking to preserve self-rule under conditions of asymmetrical power.

Why Switzerland Persisted: Neutrality, Balance, and Internal Cohesion

Switzerland’s persistence is perhaps even more remarkable than its birth. Surrounded over the centuries by larger, richer, and often more militarily powerful neighbours, it nevertheless survived, adapted, and ultimately flourished. This endurance rested on three interlocking pillars: neutrality, internal balance, and deep local legitimacy.7

Neutrality, formally recognised in 1815, was not an expression of weakness but a sophisticated survival doctrine. Switzerland signalled that it would not serve as a springboard for great-power conflict, while simultaneously maintaining sufficient military credibility to deter easy coercion.8

At home, Switzerland did not abolish diversity. It institutionalised it. German-, French-, Italian-, and Romansh-speaking populations were not forced into a single homogenising mould. Religious conflict, too, was contained through institutional compromise rather than permanently settled through domination.9 The result was a political culture in which pluralism could be governed without being denied.

Finally, Switzerland developed an unusually strong basis of legitimacy through local self-government and direct democratic participation. Citizens were not merely ruled; they were repeatedly asked to decide. That difference matters.10

Transformation: From Loose Confederation to Federal State

Switzerland’s history is not one of static continuity. It repeatedly changed form. The old confederation of the late medieval and early modern period differed substantially from the federal state created in 1848. Between those moments lay alliance, expansion, confessional conflict, Napoleonic disruption, restoration, and constitutional reinvention.11

The key turning point was 1848. In the aftermath of the Sonderbund War, Switzerland moved from a relatively loose confederation toward a modern federal state with common institutions, while preserving substantial cantonal sovereignty. This balancing act is one of its greatest constitutional achievements: enough unity to act, enough decentralisation to remain legitimate.12

Europe has tried to solve a similar problem. It has sought unity without abolishing diversity, and coordination without extinguishing local identities. Yet Switzerland arguably solved this puzzle with greater elegance, because it tied political order to a much stronger principle of subsidiarity and popular consent.

Why Switzerland Could Be a Model for Europe

Switzerland matters to Europe not because it is large, but because it demonstrates that political unity does not require cultural homogeneity. French, German, Italian, and Romansh communities share a state without pretending to be identical. This is of obvious relevance to Europe, which has often oscillated between two bad options: either mere loose cooperation, or integration that feels too remote from ordinary citizens.13

Swiss ExperiencePossible European Relevance
Multilingual coexistence within one polityEurope need not wait for a single language or uniform culture before deepening political union
Strong cantonal autonomyRegional and local self-government could strengthen legitimacy across Europe
Direct democratic instrumentsCitizens could be drawn more directly into constitutional and strategic questions
Neutrality with defence readinessEurope could imagine strategic autonomy beyond dependency on external great powers

The EU already contains elements of confederal and federal logic, but it often lacks emotional legitimacy and constitutional clarity. Switzerland suggests that durable unity emerges less from administrative layering than from a convincing pact among peoples and places.

Is Europe Approaching a Situation Similar to Early Switzerland?

Here the thought experiment becomes politically sharp. Europe today finds itself squeezed between larger powers and competing geopolitical logics. It is economically formidable, culturally rich, and normatively influential, yet strategically hesitant and militarily dependent.14

This creates a structural parallel—not an identity, but a parallel—to the predicament from which Switzerland originally emerged. Then, small Alpine communities sought safety and autonomy in a harsh world of stronger neighbours. Today, many Europeans may increasingly feel that the continent, too, requires a more cohesive political form if it is not to remain merely the arena in which others pursue their rivalries.

Enough is enough. We do not want to be squeezed between the superpowers. We do not want to be pushed into other nation’s wars. We want to be peaceful, trusted, defence-ready, and politically sovereign.

That sentence is not yet Europe’s civic credo. But one can imagine conditions under which it might become one.

The Vision: Europe as a Federation of Cantons

Let us therefore take the April 1st hypothesis seriously for a moment. Imagine that Europe’s peoples conclude that the existing combination of national fragmentation and supranational technocracy is insufficient. They decide instead on a radically federal, bottom-up refoundation.

In this vision, today’s states devolve internally and recompose externally. German Bundesländer, Austrian Bundesländer, French départements, Italian regioni, Spanish autonomous communities, and comparable territorial units across the continent become the effective building blocks of a new European confederation.15 Europe would not abolish its regions; it would elevate them.

The resulting order would not resemble a centralised empire. It would resemble a continental Switzerland:

  • a common external and defence framework,
  • far stronger local autonomy,
  • constitutional multilingualism,
  • subsidiarity as an operative principle rather than a slogan,
  • and direct democratic instruments for major strategic questions.

Utopian? Certainly. But perhaps no more utopian than Switzerland once was.

Objections—and Why They Must Be Taken Seriously

The model is vulnerable to strong objections. Europe is vastly larger than Switzerland. Its histories of war, empire, and national memory weigh heavier. Its social and economic disparities are wider. External commitments, alliances, and institutional path dependencies are far more complex. These objections are real and cannot be waved aside.16

Yet the purpose of a serious political essay is not to confuse feasibility with significance. The point is not to predict that Europe will literally “join Switzerland” -  although this might be the most effective way. The point is to ask whether the Swiss constitutional logic—federalism, neutrality, local legitimacy, and unity through diversity—contains lessons that Europe has still not fully absorbed.

Finally: An April Fool’s Joke with Strategic Intent

Great political transformations often begin as intellectual impossibilities. They start as questions that sound foolish because they challenge the emotional habits of their age. Switzerland itself was once an improbable arrangement of alpine communities. The European Union, too, would once have been dismissed as fantasy.

What if all Europe joined Switzerland?” is therefore not merely a joke for April 1st. It is a disciplined provocation. It invites us to ask whether Europe’s future might depend less on becoming a superstate, and more on becoming a trusted federation of self-respecting peoples - peaceful, democratic, defence-ready, and strategically autonomous.

In that sense, the essay’s true argument is simple: Europe may not need to become a new Rome, nor a copy of America. It may need, instead, to become more Swiss.

Endnotes

  1. The introductory framing draws on standard accounts of Swiss federalism and consensus democracy, especially Linder’s interpretation of Switzerland as a polity capable of managing deep cultural diversity through institutional design. 
  2. On the broader constitutional and historical distinctiveness of the Swiss case, see Church and Head’s concise historical overview. 
  3. For the conceptual background on nationhood and political community, Anderson’s theory of “imagined communities” remains foundational. 
  4. The 1291 Federal Charter is commonly treated as the symbolic starting point of the Swiss Confederation, though historians rightly stress the complexity of early Swiss state formation. 
  5. The strategic significance of Alpine transit, especially the Gotthard route, is a recurring theme in accounts of early Swiss cohesion. 
  6. Church and Head emphasise the pragmatic, alliance-based, and often contingent nature of Swiss beginnings; myth and historical process must be carefully distinguished. 
  7. Lijphart’s work on consensus democracy helps explain why power-sharing and accommodation can stabilise divided societies. 
  8. Swiss neutrality was recognised by the major powers at the Congress of Vienna in 1815 and became a defining element of Swiss external posture thereafter. 
  9. On religious and linguistic accommodation in Switzerland, see Linder’s analysis of conflict management in multicultural settings. 
  10. Direct democracy in Switzerland is not merely an institutional curiosity; it is central to the production of legitimacy and political trust. 
  11. Napoleonic intervention, the Helvetic Republic, and the post-1815 settlement are all crucial transitional stages in Swiss constitutional development. 
  12. The Constitution of 1848 is widely seen as the decisive founding moment of modern Switzerland as a federal state. 
  13. Switzerland’s relevance to Europe lies less in imitation than in analogy: multiple peoples can share a state if institutions command sufficient trust. 
  14. For the argument that Europe’s geopolitical position requires greater strategic capacity and autonomy, see current policy debates around “strategic autonomy,” as well as the longer intellectual history of Europe as a distinct political civilisation. 
  15. In Italy, the principal subnational units are called regioni (regions). The speculative proposal here uses Europe’s existing territorial units as the building blocks of a future confederal order. 
  16. Milward’s classic interpretation is a salutary corrective: European integration historically strengthened nation-states as much as it transcended them. 

References

Anderson, B. (2006). Imagined communities (Rev. ed.). Verso.

  • Foundational theory of nation-building and collective identity. Useful for asking whether a European civic “people” could emerge beyond existing national narratives.

Church, C. H., & Head, R. C. (2013). A concise history of Switzerland. Cambridge University Press.

  • One of the most reliable short academic histories of Switzerland. Particularly valuable for the country’s medieval origins, confederal development, and transformation in 1848.

European Council on Foreign Relations. (2021). Strategic autonomy: Europe’s path forward.

  • Policy-oriented source for the modern debate on Europe’s geopolitical self-assertion, defence readiness, and reduced external dependency.

Lijphart, A. (2012). Patterns of democracy: Government forms and performance in thirty-six countries (2nd ed.). Yale University Press.

  • Classic comparative political science text. Switzerland serves as a major case for consensus democracy and institutional accommodation in plural societies.

Linder, W. (2010). Swiss democracy: Possible solutions to conflict in multicultural societies (3rd ed.). Palgrave Macmillan.

  • It directly connects Swiss institutions to the broader challenge of governing diverse communities within one polity.

Milward, A. S. (2000). The European rescue of the nation-state (2nd ed.). Routledge.

  • Essential counterpoint. Milward argues that European integration did not replace nation-states so much as reinforce and rescue them.

Steiner, G. (2004). The idea of Europe. Nexus Institute.

  • Philosophical and cultural reflection on Europe’s civilisational identity. Helpful for  a deeper intellectual understanding.

Swiss Federal Chancellery. (2023). The Swiss Confederation: A brief guide. Federal Administration.

  • Authoritative institutional overview from the Swiss federal authorities, useful for grounding the discussion of present-day structures.

2026-02-23

Keine Überraschung!

Ich stoße häufig und eher zufällig auf Beiträge wie diesen auf LinkedIn …

Jonny Resman, mit einem langen und gewundenen Titel,, behauptete, dass “in einem durchgesickerten Entwurf der US-amerikanischen Nationalen Sicherheitsstrategie Österreich, Ungarn, Italien und Polen potenzielle Länder seien, die von den USA unter Druck gesetzt und beeinflusst werden sollten, um sie zum Austritt aus der EU zu bewegen. Der Grund dafür sei, die EU zu spalten und es einer starken und geeinten EU zu erschweren, zu handeln und sich auf gegen die USA gerichtete nationale Interessen zu konzentrieren .”

Auch äußerte er die Meinung, dass “die USA immer mehr Russland ähneln, und leider scheint es, dass Hass und Verachtung für europäische Werte auf beiden Seiten des europäischen Kontinents gleichermaßen stark ausgeprägt sind .”

Nun ja, “Ich habe die Zukunft gesehen – und sie funktioniert.” – allerdings etwas anders, als der Urheber dieses (berüchtigten) Zitats, Lincoln Steffens, es gemeint haben mag [1] .

Hier spreche ich nicht von der bolschewistischen Revolution von 1919, sondern von einem ähnlich ideologieanfälligen Thema, nämlich der Zweiebenen-Kommunikation in der US-Außenpolitik.

Gestützt auf jahrelange Beobachtungen gewann ich nämlich den unabweisbaren Eindruck, dass die US-Außenpolitik zweischichtig ist (1. Ebene : materielle Großmacht-/nationale Interessenlogik gepaart mit einer 2. Ebene: öffentliches moralisches Vokabular, das dazu dient, Legitimität und Zustimmung im Inland aufrechtzuerhalten).

Und tatsächlich findet sich dieser Eindruck in der klassisch realistischen und dem Realismus nahe stehenden Literatur deutlich wieder. In den Referenzen finden sich drei sehr aussagekräftige Zitate, die meinem 2-Ebenen-Konzept sehr nahe kommen. Jedes Zitat ist in den Referenzen als kommentierte APA-Referenz aufgeführt. 

So forderte der amerikanische Diplomat und Historiker George Frost Kennan 1948, die moralischen Parolen fallen zu lassen und stattdessen in “unmittelbaren Machtkonzepten” zu denken: (“Wir sollten aufhören, über … Ziele wie Menschenrechte … und Demokratisierung zu sprechen.”) [2]

Auch später blieb Kennan ein lautstarker Kritiker der “legalistisch-moralistischen” Tradition als wiederkehrende US-amerikanische Angewohnheit: “Der ‚legalistisch-moralistische Ansatz bei internationalen Problemen‘ … ‚zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Außenpolitik .” [3]

Als drittes Beispiel kann der deutsch-amerikanische Jurist und Politikwissenschaftler Hans Joachim Morgenthau dienen, der 1951 erklärte, dass die moralische Abstraktion als Ersatz für politisches Denken zu einer Quelle für ein Versagen werden könne: “Die Sucht nach moralischen Abstraktionen … ist … eine der großen Quellen der Schwäche und des Scheiterns .” [4]

Darüber hinaus existiert eine umfangreiche wissenschaftliche Literatur, die sich direkt mit meinem zweischichtigen Modell der US-Außenpolitik auseinandersetzt (materielle strategische Interessen versus legitimierende Narrative der Öffentlichkeit). Im Folgenden werden drei einflussreiche Werke mit prominenten Zitaten aufgeführt, die diese Ansicht stützen als kommentierte APA-Referenzen.

  • Goddard & Krebs (2015): Legitimation als konstitutives Element der Generalstrategie: “ …Legitimation … hat signifikante und unabhängige Auswirkungen auf die Formulierung und Ausführung der Generalstrategie… Zielgruppen werden mobilisiert… definiert nationale Interessen.” (Goddard & Krebs, 2015) [5]

  • Hall (2021): Populistische außenpolitische Rhetorik und Mobilisierung im Inland: “Trumps außenpolitische Rhetorik … zielte darauf ab, ein Krisengefühl zu erzeugen … um seine inländische Basis zu mobilisieren.” (Hall, 2021) [6]

  • Chow (2024): Strategische Signalgebung und Meinungsbildung: “ … Staaten nutzen eine 'Tu quoque'-Argumentation … um die amerikanische öffentliche Meinung zu formen … und beeinflussen damit die außenpolitische Haltung.” (Chow, 2024) [7]

Das sollte reichen. Es ist doch so offensichtlich: zwielichtige Machenschaften vor aller Augen und am helllichten Tag.

Wir hätten es schon lange wissen können. Und einige von uns haben es wohl intuitiv gespürt: Für die USA ist Europa bestenfalls ein nützlicher Idiot, der ihnen Flüssiggas und Waffen abkauft, ihre weltweiten Kriege mit-führt und als Puffer gegen ihre Gegner dient. Es war und ist immer noch reine Großmachtpolitik, aber – vor Trump – wurde sie uns als wohltätiger, kostenloser Dienst zum Wohle der Menschheit verkauft.

Und zu meinem größten Erstaunen funktionierte es die ganze Zeit über.

Entsprechend, als der US-Außenminister Marco Rubio auf der Münchner Sicherheitskonferenz in Deutschland schmeichelnde Worte  [8] für sein überwiegend europäisches Publikum fand, funktionierte es wieder einmal.

Obwohl Donald Trump bereits seit seiner ersten Amtszeit die Wohltäter-Maske fallen gelassen hatte und JD Vance  im Jahr vor Rubio auf derselben Münchner Sicherheitskonferenz eine ziemlich garstige, aber vermutlich aufrichtige, Rede gehalten hatte [9], herrschte unter Politikern, Kommentatoren und der Presse weitgehend Einigkeit darüber, dass “es so schlimm schon nicht werden würde”. (Anmerkung: Meine Großmutter hatte ebendiese Worte gebraucht – “Es wird schon nicht so schlimm werden” –, als mein Vater im zarten Alter von 17 Jahren im Juni 1942 in das große Gemetzel des deutschen Russlandfeldzugs eingezogen wurde.) [1]

Der Autor des oben erwähnten LinkedIn-Beitrags äußerte ebenso die Hoffnung, dass das US-Establishment noch immer stark genug sei und möglicherweise verheerende politischen Entscheidungen verhindern könne. Es sollte jedoch jedem aufmerksamen Beobachter klar sein, dass Hoffnung allein keine Lösung sein kann.

Es ist höchste Zeit, jetzt zu handeln!

Also, wer? Wer sollte die Verantwortung für das Handeln übernehmen?

Nun ja, wir, das Volk, nicht unsere gewählten Vertreter.

Sie haben vermutlich wenig Neigung, uns überhaupt zu vertreten. Sie sind eher karrieregierige Opportunisten. Hier hilft nur Druck von unten, durch eine Basisbewegung.

Mein Rat: Organisiert  Euch!

Wo?

Nun, die Plattform ist vorhanden. Ihr müsst Euch nur anmelden

Wer das Weltgeschehen auch nur ein wenig aufmerksam verfolgt, sollte von dem aktuellen Geschehen also nicht sonderlich überrascht sein – oder zumindest sollte er es nicht sein.


[1] Der deutsche “Russlandfeldzug”, offiziell Unternehmen Barbarossa, begann am 22. Juni 1941. Er markierte den Beginn des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion und brach damit den Molotow-Ribbentrop-Pakt von 1939. Die Operation eröffnete die Ostfront des Zweiten Weltkriegs, die zum größten und verlustreichsten Kriegsschauplatz wurde. Anfängliche rasche Vorstöße im Sommer 1941 wichen schließlich Abnutzungskämpfen, logistischer Überforderung und katastrophalen Verlusten, die im strategischen Wendepunkt bei Stalingrad (1942–43) gipfelten.


Referenzen:

[1] Steffens, L. (1919) . Ich habe die Zukunft gesehen, und sie funktioniert. In: F. R. Shapiro (Hrsg.), The Yale Book of Quotations (überarb. und erweiterter Ausg., S. xxx). Yale University Press

  • Dieses Zitat des amerikanischen Investigativjournalisten Lincoln Steffens, entstanden nach seinem Besuch in Sowjetrussland im Jahr 1919, ist in modernen Zitatensammlungen wie dem von Fred R. Shapiro herausgegebenen “Yale Book of Quotations” enthalten. Es spiegelt Steffens’ anfänglich optimistische Eindrücke von der sowjetischen Gesellschaft wider, bevor er später desillusioniert wurde.

[2] US-Außenministerium, Planungsstab. (24. Februar 1948). Überblick über aktuelle Trends: US-Außenpolitik (PPS/23) [Regierungsbericht]. In: Auswärtige Beziehungen der Vereinigten Staaten, 1948, Allgemeines; die Vereinten Nationen, Band I, Teil 2, Dokument 4. Historisches Büro.

  • Dies ist eine der deutlichsten Primärquellen, die die von mir beschriebene “zweischichtige” Logik belegen: Kennan rät US-Politikern ausdrücklich, die Fernostpolitik nicht länger an universalistischen moralischen Zielen (“Menschenrechte”, “Anhebung des Lebensstandards”, “Demokratisierung”) auszurichten, sondern sich auf “direkte Machtkonzepte” vorzubereiten. Er warnt davor, dass “idealistische Parolen” hinderlich sein könnten. Die Passage ist nicht bloß deskriptiv, sondern stellt eine präskriptive Staatskunst aus dem Inneren des Planungsstabs des US-Außenministeriums dar (PPS/23). Sie stützt somit meine Ansicht, dass ein moralisches Vokabular als eine Art Deckmantel fungieren kann – nützlich für die öffentliche Darstellung, aber potenziell hinderlich, wenn es interessenbasierte Politik einschränkt.

[3] Kennan, G. F. (1984) . Amerikanische Diplomatie, 1900–1950 (Überarb. Ausg., S. 95–103). University of Chicago Press. (Originalausgabe 1951)

  • Kennans “legalistisch-moralistische” Kritik ist ein kanonisches realistisches Argument über rhetorische Rahmung und kognitiven Stil: Er wendet sich gegen die Annahme, internationale Konflikte ließen sich primär durch Regeln, moralische Verurteilung und juristische Formeln zähmen – eine Sichtweise, die innenpolitisch gut ankommt, aber Machtverhältnisse und Interessen verkennen kann. In der zitierten Formulierung (S. 95–103 der überarbeiteten Ausgabe) behandelt Kennan dies als ein beständiges US-amerikanisches Muster (“roter Strang”), d. h. eine wiederholbare, öffentlichkeitswirksame Rechtfertigungsmethode, die mit den strategischen Realitäten, mit denen sich politische Entscheidungsträger auseinandersetzen müssen, nur schwer vereinbar ist.

[4] Morgenthau, HJ (1951) . Zur Verteidigung des nationalen Interesses: Eine kritische Untersuchung der amerikanischen Außenpolitik (S. 3). Alfred A. Knopf.

  • Morgenthaus Kernaussage ist nicht, dass Moral irrelevant sei, sondern dass ein von der politischen Realität losgelöster Moralismus gefährlich wird – weil er zu Kreuzzügen, Selbsttäuschung und inkohärenter Politik führen kann. Die Metapher der “Berauschung” verdeutlicht, wie eine moralische Erzählung psychologisch und politisch überzeugend wirken kann (eine mobilisierende “Marketingebene”), während sie gleichzeitig eine nüchterne Analyse von Interessen, Machtverhältnissen und Abwägungen (meine Ebene der “Realpolitik”) verdrängt. Anders gesagt: Morgenthau liefert eine klassische theoretische Diagnose dafür, warum moralische Sprache so oft interessengeleitetes Handeln begleitet: Sie ist rhetorisch wirkungsvoll, innenpolitisch funktional und strategisch verzerrend, wenn sie als wahre Entscheidungsregel herangezogen wird.

[5] Goddard, SE, & Krebs, RR (2015) . Rhetorik, Legitimation und Generalstrategie. Security Studies, 24(2), 179–201.

  • Dieser einleitende Artikel konzeptualisiert Legitimation – die öffentliche Rechtfertigung von Außenpolitik – als eigenständigen Kausalprozess neben materieller Struktur und strategischen Imperativen. Er argumentiert, dass Rhetorik und Legitimation dazu beitragen, das nationale Interesse zu konstruieren und die Unterstützung der Öffentlichkeit und der Eliten zu gewinnen, wodurch die Definition von Bedrohungen und akzeptablen politischen Maßnahmen durch Staaten geprägt wird. Anders ausgedrückt: Die “Marketingebene” der US-Außenpolitik besitzt eine eigenständige analytische Relevanz – sie dient nicht bloß als Verpackung für interessengeleitetes Handeln.

[6] Hall, J. (2021) . Donald Trumps populistische außenpolitische Rhetorik. Politics, online veröffentlicht.

  • Diese Studie konzentriert sich zwar auf Trump, verdeutlicht aber, wie Rhetorik innenpolitische Zwecke verfolgen kann, die von strategischen Zielen abweichen. Hall zeigt, dass außenpolitische Sprache mitunter weniger dazu dient, inhaltliche Strategien zu erläutern, als vielmehr die innenpolitische Wählerschaft durch Kriseninszenierung zu mobilisieren – im Einklang mit meiner These, dass die “Marketingebene” der politischen Legitimation und Konsensbildung dient, selbst wenn die zugrunde liegende Strategie von strukturellen Kräften getrieben ist.

[7] Chow, WM (2024) . Die Diplomatie des Whataboutism und die außenpolitische Haltung der USA. Internationale Organisation.

  • Diese empirische Studie im Bereich der Internationalen Beziehungen veranschaulicht, wie rhetorische Strategien (z. B. Whataboutism, wechselseitige moralische Rahmung) die öffentliche Meinung zur Außenpolitik beeinflussen. Sie unterstreicht, dass die öffentliche Kommunikation – also die Art und Weise, wie Außenpolitik erklärt und dargestellt wird – kein bloßes Begleitphänomen staatlichen Handelns ist, sondern gezielt eingesetzt wird, um Zustimmung im Inland zu gewinnen oder Kritik abzuwehren, selbst wenn materielle strategische Entscheidungen aus Gründen getroffen werden, die nichts mit dieser Kommunikation zu tun haben.

[8] Rubio, M. (14. Februar 2026) . Rede von US-Außenminister Marco Rubio auf der Münchner Sicherheitskonferenz, München, Deutschland [Redemanuskript]. US-Außenministerium. https://www.state.gov/releases/office-of-the-spokesperson/2026/02/secretary-of-state-marco-rubio-at-the-munich-security-conference/

  • In seiner Rede auf der 62. Münchner Sicherheitskonferenz erläuterte US-Außenminister Marco Rubio die außenpolitische Haltung der Trump-Regierung gegenüber Europa und den globalen Sicherheitsfragen. Er betonte das gemeinsame westliche Erbe, die transatlantische Zusammenarbeit sowie die Sorgen um Migration und kulturellen Zusammenhalt. Die Rede wurde in diplomatischen und medialen Analysen weithin als Versuch gewertet, nationalistische Rhetorik mit Zusicherungen an die europäischen Partner in Einklang zu bringen und fand trotz bestehender strategischer Spannungen überwiegend positive Resonanz.

[9] Vance, JD (14. Februar 2025) . Rede von JD Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 [Redemanuskript]. Münchner Sicherheitskonferenz. https://securityconference.org/assets/user_upload/MSC_Speeches_2025_Vol2_Ansicht.pdf

  • Auf der 61. Münchner Sicherheitskonferenz hielt US-Vizepräsident JD Vance eine höchst umstrittene Rede, in der er die europäischen Ansätze zu demokratischen Normen, Meinungsfreiheit und internen sozialen Herausforderungen kritisierte und diese als größere Bedrohungen darstellte als externe Akteure wie Russland oder China. Die Rede markierte eine deutliche Abkehr vom traditionellen transatlantischen Sicherheitsdiskurs und löste eine intensive Debatte unter europäischen Politikern und Analysten über die Zukunft der Zusammenarbeit zwischen den USA und der EU aus.

No surprise?


I frequently and arbitrarily come across posts like this one on LinkedIn …

Jonny Resman, having a long and winding title / designation, claimed that “in a leaked draft of the U.S. National Security Strategy, Austria, Hungary, Italy and Poland were potential countries for U.S. coercion and influence, to make them leave the EU. The reason is to split and make it difficult for a strong and unified EU to act and focus on counter-U.S. national interests.”

He also voiced the opinion that “the US is becoming more like Russia, and unfortunately it seems that hatred and contempt for European values are equally strong on both sides of the European continent.”

Well, “I have seen the future - and it works” - however slightly different from how the originator of this (in-) famous quote, Lincoln Steffens, might have meant it [1].

Here I'm not talking about the Bolshevik revolution of 1919 but about a likewise ideology prone topic, the two layered US-foreign affairs communication.

Supported by long years of observation I received the irrefutable impression that the US foreign politics is two layered (1st layer: material great-power / national-interest logic paired with a 2nd layer: public moral vocabulary that helps sustain legitimacy and domestic consent).

And indeed, this impression is strongly echoed in classic realist and realist-adjacent literature. In the references there are three very “load-bearing” quotations that map closely onto my two layers, each given as an annotated APA reference, when the American diplomat and historian George Frost Kennan demanded in 1948 to drop the moral slogans and to think in “straight power concepts” instead: (“We should cease to talk about … objectives such as human rights … and democratization.”) [2].

Kennan later too remained a vocal critique of the “legalistic-moralistic” tradition as a recurring U.S. habit: “the 'legalistic-moralistic approach to international problems' … 'runs like a red skein through our foreign policy'.” [3]

As a 3rd example the German-American jurist and political scientist Hans Joachim Morgenthau may serve, when in 1951 stating that the moral abstraction as a substitute for political thought may become a source of failure: “The intoxication with moral abstractions … is … one of the great sources of weakness and failure....” [4]

There is in addition a substantial scholarly literature that speaks directly to my two-layer model of U.S. foreign policy (material strategic interests vs. public legitimating narratives). Below are three academically influential works with prominent quotations supportive of that view, each with an annotated APA reference.

  • Goddard & Krebs (2015): Legitimation as a constitutive element of grand strategy: “…legitimation … has significant and independent effects on grand strategy's… formulation and execution… audiences are mobilised… defines national interest.” (Goddard & Krebs, 2015) [5]

  • Hall (2021): Populist foreign policy rhetoric and domestic mobilisation: “Trump's foreign policy rhetoric… aimed at creating a sense of crisis… to mobilise his domestic base.” (Hall, 2021) [6]

  • Chow (2024): Strategic signalling and attitude shaping: “… states use whataboutism… to shape American public opinion … influences foreign policy attitudes.” (Chow, 2024) [7]

That should suffice. It is so obvious: shady dealings in plain sight

We could have known it long before. And a few of us probably felt it intuitively: For the US Europe is a useful idiot at best, to buy their LNG and weaponry, to co-fight their world-wide wars and to serve as a buffer to their adversaries. It was and it still is pure great power politics, but - before Trump - it was 'sold' to us as a charitable, free service for the benefit of humanity.

And to my utter astonishment, it worked throughout all the time.

So, when Secretary of State Marco Rubio at the Munich Security Conference in Germany found charming words [8] for his largely European audience - well, it worked again.

Despite the fact that Donald Trump since his first term in office had already dropped the mask and J.D. Vance had given a rather nasty, but presumably sincere, speech [9] at the same Munich Security Conference the year before Rubio, politicians, commentators and the press were largely in agreement that ‘it won't get that bad’. (side note: My grandmother reacted with these very words ‘It won't be that bad’ when my father, at the tender age of 17, was sent into the great meat grinder of the German campaign in Russia in June 1942) [1].

While the author of the above-mentioned LinkedIn post expressed the hope that the U.S. establishment might still be strong and potentially could stop the most devastating policy choices, it should be clear to all lucid observers that relying on hope cannot be a solution

It’s rather time to take action now!

So, who? Who should be in charge to take action?

Well, we the people, not our elected representatives.

They don't want to represent us at all. They're just career-hungry opportunists. The only thing that will help here is pressure from below, through a grassroots movement.

My advice: Get organised!

Where?

Well, the platform is there. You just need to join.

So, no one who follows world events with any degree of alertness should be particularly surprised - well, should not be.


[1] The German “Russlandfeldzug”, formally Operation Barbarossa, began on 22 June 1941. It was the launch of Germany's invasion of the Soviet Union, breaking the 1939 Molotov-Ribbentrop Pact. The operation opened the Eastern Front of World War II, which became the war's largest and most lethal theatre. Initial rapid advances in summer 1941 gave way to attrition, logistical overreach, and catastrophic losses, culminating in the strategic turning point at Stalingrad (1942–43).


References:

[1] Steffens, L. (1919). I have seen the future, and it works. In F. R. Shapiro (Ed.), The Yale Book of Quotations (rev. & expanded ed., p. xxx). Yale University Press.

  • This quotation by American investigative journalist Lincoln Steffens, made after his 1919 visit to Soviet Russia, has been anthologized in modern quotation collections including The Yale Book of Quotations edited by Fred R. Shapiro. It reflects Steffens’ early optimistic impressions of Soviet society before his later disillusionment.

[2] U.S. Department of State, Policy Planning Staff. (1948, February 24). Review of current trends: U.S. foreign policy (PPS/23) [Government report]. In Foreign Relations of the United States, 1948, General; the United Nations, Volume I, Part 2, Document 4. Office of the Historian.

  • This is one of the clearest primary-source statements of the “two-layer” logic I describe: Kennan explicitly advises U.S. policymakers to stop framing Far East policy around universalistic moral goals (“human rights,” “raising living standards,” “democratization”) and to prepare for “straight power concepts,” warning that “idealistic slogans” would become a handicap. The passage is not merely descriptive; it is prescriptive statecraft from inside the State Department’s Policy Planning Staff (PPS/23). It thus supports my view that a moral vocabulary can function as an overlay—useful for public posture, but potentially obstructive when it constrains interest-based policy.

[3] Kennan, G. F. (1984). American diplomacy, 1900–1950 (Rev. ed., pp. 95–103). University of Chicago Press. (Original work published 1951)

  • Kennan’s “legalistic-moralistic” critique is a canonical realist argument about rhetorical framing and cognitive style: he targets the belief that international conflict can be tamed primarily by rules, moral condemnation, and juridical formulas—an outlook that plays well domestically but can misread power and interest. In the quoted formulation (pp. 95–103 in the revised edition), Kennan treats this as a persistent U.S. pattern (“red skein”), i.e., a repeatable public-facing mode of justification that sits uneasily atop the strategic realities policymakers must manage.

[4] Morgenthau, H. J. (1951). In defence of the national interest: A critical examination of American foreign policy (p. 3). Alfred A. Knopf.

  • Morgenthau’s core claim is not that morality is irrelevant, but that moralism detached from political reality becomes dangerous—because it can enable crusading, self-deception, and policy incoherence. The “intoxication” metaphor captures how a moral narrative can become psychologically and politically compelling (a mobilizing “marketing layer”), while simultaneously displacing hard analysis of interests, power balances, and trade-offs (my “real politics” layer). In other words, Morgenthau supplies a classic theoretical diagnosis of why moral language so often accompanies interest-driven action: it is rhetorically potent, domestically functional, and strategically distortive if taken as the true decision rule.

[5] Goddard, S. E., & Krebs, R. R. (2015). Rhetoric, legitimation, and grand strategy. Security Studies, 24(2), 179–201.

  • This framing article conceptualizes legitimation —public justification of foreign policy— as a distinct causal process alongside material structure and strategic imperatives. It argues that rhetoric and legitimation help construct the national interest and assemble public and elite support, shaping how states define threats and acceptable policies. In other words, the “marketing layer” of U.S. foreign policy has analytic salience in its own right — not merely as packaging for interest-based action.

[6] Hall, J. (2021). Donald Trump’s populist foreign policy rhetoric. Politics, published online.

  • While this study focuses on Trump, it illustrates how rhetoric can have domestic political purposes distinct from strategic outcomes. Hall shows that foreign policy language is sometimes deployed less to explain substantive strategy and more to mobilise domestic constituencies through crisis framing—consistent with my idea that the “marketing layer” serves political legitimation and consensus-building even when the underlying strategy is driven by structural forces.

[7] Chow, W. M. (2024). The diplomacy of whataboutism and U.S. foreign policy attitudes. International Organization.

  • This empirical IR study illustrates how rhetorical strategies (e.g., whataboutism, reciprocal moral framing) operate to influence domestic opinion about foreign policy. It underscores that public messaging — how foreign policy is explained and framed — isn’t epiphenomenal to state action but is used deliberately to obtain domestic consent or deflect criticism, even when material strategic choices are made for reasons unrelated to that messaging.

[8] Rubio, M. (2026, February 14). Remarks by Secretary of State Marco Rubio at the Munich Security Conference, Munich, Germany [Speech transcript]. U.S. Department of State. https://www.state.gov/releases/office-of-the-spokesperson/2026/02/secretary-of-state-marco-rubio-at-the-munich-security-conference/

  • In this address delivered at the 62nd Munich Security Conference, U.S. Secretary of State Marco Rubio articulated the Trump administration’s foreign policy stance toward Europe and broader global security issues, emphasising shared Western heritage, transatlantic cooperation, and concerns about migration and cultural cohesion. The speech was widely reported in diplomatic and media analyses as seeking to balance nationalist rhetoric with reassurance to European partners, earning a generally receptive audience despite underlying strategic tensions.

[9] Vance, J. D. (2025, February 14). Speech by J.D. Vance at the Munich Security Conference 2025 [Speech transcript]. Munich Security Conference. https://securityconference.org/assets/user_upload/MSC_Speeches_2025_Vol2_Ansicht.pdf

  • At the 61st Munich Security Conference, U.S. Vice President J.D. Vance delivered a highly controversial address that critiqued European approaches to democratic norms, free speech, and internal social challenges, framing those as more significant threats than external actors such as Russia or China. The speech marked a sharp departure from traditional transatlantic security discourse, prompting vigorous debate among European policymakers and analysts about the future of U.S.–EU cooperation.

2026-02-12

Europa als Bundesstaat - eine Notwendigkeit

Warum Europa seinen politischen Weg bis zum Ziel muss, um als geachtete Macht auf der Weltbühne Gehör zu finden, sein Erbe der Aufklärung zu bewahren und sich dafür als multinationaler Bundesstaat neu zu etablieren muss.

Wie ich in meinem Blogbeitrag “Ein Mosaik erwacht – Eine Antrittsrede” vom 7. Februar 2026 bereits angedeutet habe, ist neben den Überresten eines Traums eine tiefer gehende Betrachtung einer angestrebten europäischen Föderation angebracht. Wenn der Hauptzweck des Träumens darin besteht, das Gehirn zu ordnen und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, dann hoffe ich, dass dies nun gelungen ist.

Europa an einer strukturellen Schwelle

Europa diskutiert erneut seine politische Zukunft – nicht aus Begeisterung, sondern aus Notwendigkeit. Unsanft durch die barschen Worte des großen Bruders von jenseits des Atlantiks aus ihrem behaglichen Schlummer gerissen, erkennen die Nationen des “Europa”-Projekts nun, dass unterwürfiges Verhalten nicht länger die Garantie für ein angenehmes Leben ist.

Die Forderungen nach einer europäischen Föderation tauchen daher immer häufiger auf. Neu sind sie allerdings keineswegs. Von Winston Churchill bis Mario Draghi, von Jacques Delors bis zu Alfred Kammer und Gita Bhatt vom IWF – diese Forderung wurde über 60 Jahre lang immer wieder von prominenten Persönlichkeiten erhoben.

Ihre Begründungen veränderten sich im Laufe der Zeit…

  • Vor 1990: Föderalismus als Friedensprojekt,
  • 1990–2010: Föderalismus als Lösung für das Problem der Regierbarkeit,
  • Nach 2016: Föderalismus als geopolitische Notwendigkeit

Und dann ist nichts geschehen.

Jvan Ricciardella, Verteidigungs- und Geopolitikberater, der regelmäßig seine klarsichtigen, aber oft vernichtenden Kommentare zur hilflosen Politik europäischer Staaten auf LinkedIn veröffentlicht, analysiert die Situation in einem Beitrag mit dem Titel “Europa zwischen Illusion und Schwerkraft” (28.01.2026) wie folgt …

Europa sieht sich gern als politisches Subjekt, verhält sich aber zunehmend wie ein geopolitisches Objekt, das von Kräften auseinander gerissen wird, die es weder kontrolliert noch vollständig versteht. 

Märkte ohne Macht, Regeln ohne Strategie, Einheit ohne Souveränität: Das europäische Experiment kollidiert nun mit Geografie, Geschichte und harter Macht, und diese Kollision ist unsanft. 

Dies ist kein Aufruf zu neuen Sonntagsreden oder moralischer Beschwichtigung, sondern der Versuch, Europa so zu betrachten, wie es ist, nicht so, wie es sein möchte.”

Das ist keineswegs eine neue Erkenntnis. Bereits Anfang der 1960er Jahre warnte Charles de Gaulle wiederholt davor, dass Westeuropa Gefahr laufe, übermäßig von der amerikanischen Führung in Sicherheits- und Außenpolitik abhängig zu werden - faktisch ein “Protektorat” in seinen Worten -, wenn es seine eigene strategische Autonomie und politische Souveränität nicht geltend mache.

Die Frage, vor der Europa heute steht, ist nicht, ob ein Bundesstaat theoretisch attraktiv ist, sondern ob die Errungenschaften der europäischen Aufklärung ohne eine solche politische Form, die sie schützen könnte, Bestand haben können. [6]

Welche Kräfte haben uns also in all diesen verlorenen Jahrzehnten zurückgehalten?

Besteht denn jetzt eine Chance auf Erfolg? 

Und falls ja, welche Bedingungen müssen erfüllt sein?

Warum Europa kein Bundesstaat geworden ist

Europas unvollständige politische Struktur ist nicht auf einen Mangel an Ideen oder Befürwortern zurückzuführen. Sie spiegelt tiefgreifende strukturelle Kräfte wider. Die europäischen Staaten sind alte, souveräne und administrativ in sich geschlossene Gebilde. Die Bildung einer Föderation wäre hier keine natürliche Vervollständigung der Staatlichkeit, sondern ein bewusster Akt der Selbstbeschränkung. Da ist mit einem durchaus rationalen, und nicht nur reaktionären politischen Widerstand zu rechnen.

Darüber hinaus fehlt Europa ein geeintes politisches Volk, das bereit wäre, eine dauerhafte Mehrheitsentscheidung in zentralen Souveränitätsfragen zu akzeptieren. Die Integration schritt daher vor allem durch Gerichte, Verordnungen und technokratische Mechanismen voran – effektiv, aber politisch fragil . Diese Kräfte stabilisierten Europa einst. Heute verhindern sie zunehmend seine Weiterentwicklung. [7]

Gleichzeitig fördert die gegenwärtige EU-Architektur eine Integration ohne Verantwortung . Nationale Regierungen profitieren von gemeinsamen Märkten, Stabilitätsmechanismen und kollektiver Regulierung, behalten aber die Möglichkeit, die politische Schuld auf “Brüssel” abzuwälzen. Diese Unklarheit ist wahlpolitisch opportun, aber strategisch schädlich.

Dieser dritte und bei weitem wichtigste Punkt offenbart tiefere strukturelle Widersprüche in der Art und Weise, wie wir unsere repräsentative Demokratie umgesetzt haben.

Alle fünf Jahre wählen wir unsere Abgeordneten. Danach können diese tun, was sie für richtig halten. Wir können nur für Kandidaten stimmen, die es durch eine Auswahl, die machtbesessenen Psychopathen den Aufstieg ermöglicht, auf eine Kandidatenliste geschafft haben. Es sind Berufspolitiker, deren Karrieren ständig gefährdet sind. Ihr Hauptaugenmerk liegt daher auf ihrer Karriere. Sie werden aufgrund ihrer unrealistischen Versprechen gewählt, die unmittelbar nach der Wahl durch feierliche Worte ersetzt und dann schnell wieder vergessen werden. Es ist klar, dass keiner von ihnen freiwillig die gewaltige Aufgabe übernehmen würde, einen Multinationen-Staat namens “Europa” neu zu schaffen.

Die Europäische Union ist keine unvollendete Föderation. Sie ist eine bisher bewusst vermiedene.

Wir brauchen daher nicht nur eine andere Politik – wir müssen sie auch anders betreiben.

Die Kosten der anhaltenden Fragmentierung

Der Weg dorthin mag beschwerlich sein, doch es gibt keine Alternative, wenn die kleinen europäischen Staaten nicht zwischen den Weltmächten zerrieben werden wollen. Bleibt Europa strategisch zersplittert, während sich die Welt konsolidiert, wird es nicht gleich einen dramatischen Zusammenbruch geben. Vielmehr ist eine allmähliche Marginalisierung zu erwarten.

Nach außen hin gibt sich Europa bereits als einheitlicher Wirtschaftsraum und politischer Akteur aus – jedoch ohne einheitliche Institutionen. Dies begünstigt Spaltungsstrategien und schwächt Europas Verhandlungsmacht in den Bereichen Sicherheit, Handel, Technologie und Finanzen. 

Im Inneren wird strategische Abhängigkeit strukturell. Energie, Verteidigung, digitale Infrastruktur und Kapitalmärkte geraten sind nicht unter eigener Kontrolle. Unsere Europäischen Werte werden zwar rhetorisch weiterhin vertreten, verlieren aber ihre Durchsetzbarkeit.

Die Geschichte legt eine einfache Regel nahe: Nur ein Akteur, der von der Außenwelt als unteilbarer Monolith wahrgenommen wird, hat eine Chance, auf der Weltbühne ernst genommen zu werden.

Einheit nach außen, Vielfalt nach innen

Einer der hartnäckigsten Einwände gegen eine europäische Föderation ist die Angst vor Uniformität. Diese Angst beruht auf einem Missverständnis des Föderalismus. Föderationen beseitigen nicht die Vielfalt. Sie stabilisieren sie. [4]

Eine europäische Föderation würde die Autorität dort zentralisieren, wo äußere Kohärenz erforderlich ist – Außenpolitik, Verteidigung, Währungsstabilität, strategische Investitionen –, während Identität, Kultur, Bildung und soziale Modelle dezentralisiert würden. Kulturelle Vielfalt ist innerhalb einer konstitutionellen Föderation besser geschützt als zwischen souveränen Staaten, deren Grenzen existenzielle Bedeutung haben. Föderalismus ist keine Ablehnung von Pluralismus; er ist ein verfassungsrechtliches Instrument, um ihn friedlich zu gestalten.

In Europa wird kultureller Föderalismus bereits praktiziert. Was ihm fehlt, ist die politische Struktur, um ihn unter Druck zu schützen.

Ein Bundesstaat als Bewahrung, nicht als Utopie

Sich heute für einen europäischen Bundesstaat einzusetzen, ist nicht revolutionär. Es ist im tiefsten Sinne konservativ: die Errungenschaften Europas zu bewahren, indem man seine politische Form an die gegenwärtigen Realitäten anpasst.

Eine Föderation verspricht keine gesellschaftliche Utopie. Sie würde die demokratische Klarheit wiederherstellen, Autorität und Verantwortung in Einklang bringen und Europa mit der institutionellen Stärke ausstatten, die für ein Handeln in einer Welt der gefestigten Machtblöcke erforderlich ist. Es geht nicht um die Auflösung von Nationen. Es geht darum sicherzustellen, dass Europas Nationen, Regionen und Bürger in einem System, in dem Fragmentierung zunehmend Abhängigkeit bedeutet, ihre Handlungsfähigkeit behalten. [3]

Unsere Wahl: Gesteuerte Einheit oder unkontrollierter Niedergang?

Europas Wahl besteht nicht mehr zwischen Souveränität und Integration, sondern zwischen institutioneller Stärke und strukturellem Verfall. Der Verbleib in einem losen Staatenbund bewahrt zwar Komfort und Vertrautheit – doch Komfort ist nicht gleichbedeutend mit Resilienz.

Die Vervollständigung der politischen Architektur Europas ist kein Verrat an seiner Vielfalt. Sie ist die Voraussetzung für deren Erhalt.

Und genau aus diesem Grund ist die dritte kurzfristige Säule der dreifachen Mission der “Europäer des Planeten ”, der Partei für Europas Platz in der Welt, die Schaffung eines multinationalen Staates namens “Europa”.

Referenzen

  1. Churchill , W. (1946, 19. September). Die Tragödie Europas [Rede]. Universität Zürich.
    • Die grundlegende Nachkriegsformulierung der “Vereinigten Staaten von Europa” stellte einen historisch legitimen Ausgangspunkt für die föderalistische Interessenvertretung dar.

  2. Spinelli , A., & Rossi, E. (1941/2006). Das Ventotene-Manifest . In B. Nelsen & A. Stubb (Hrsg.), Die Europäische Union: Texte zur Theorie und Praxis der europäischen Integration (S. 47–50). Lynne Rienner.
    • Das klassische konstitutionell-föderalistische Manifest: Föderalisierung als strukturelles Gegenmittel gegen nationalistische Konflikte und die Zersplitterung der europäischen Macht

  3. Fischer , J. (12. Mai 2000). Von der Konföderation zur Föderation: Gedanken zur Endgültigkeit der europäischen Integration [Rede]. Humboldt-Universität zu Berlin.
    • Die deutlichste hochrangige politische Erklärung, die Europas “Endvision” mit einer Föderation verknüpft; wertvoll für die Argumentation institutioneller Angemessenheit und nicht von Idealismus.

  4. Delors , J. (1992). Subsidiarität: Der Schlüssel zur Zukunft Europas . Europäisches Institut für öffentliche Verwaltung.
    • Liefert das Brückenkonzept einer “Föderation von Nationalstaaten” und ermöglicht so eine These des “nach außen föderalen, nach innen pluralen” Systems, die auf dem Subsidiaritätsprinzip basiert.

  5. Verhofstadt , G. (2006). Die Vereinigten Staaten von Europa . Federal Trust.
    • Ein modernes föderalistisches Manifest argumentiert, dass ein konföderales Europa ohne föderale Kapazitäten systemischen Schocks (finanzieller, geopolitischer, technologischer Art) nicht standhalten kann.

  6. Habermas , J. (2012). Die Krise der Europäischen Union: Eine Antwort . Polity Press.
    • Philosophische Grundlage für postnationale Demokratie und konstitutionellen Föderalismus als Fortsetzung des Rationalismus der Aufklärung unter globaler Interdependenz.

  7. Krastev , I., & Holmes, S. (2019). Das Licht, das erlosch: Eine Abrechnung . Penguin.
    • Unerlässlich für die Auseinandersetzung mit Legitimität und Gegenreaktionen: erklärt, warum “Integration durch Verborgenes” selbst dann demokratischen Widerstand auslösen kann, wenn die politischen Argumente stark sind.

  8. Thatcher , M. (1988). Rede vor dem Europakolleg (“Brügger Rede”) . Brügge.
    • Kritik mit Fokus auf kanonische Souveränität; nützlich, um Gegenargumente fair darzustellen und sie dann mit “föderal nach außen / plural nach innen” zu widerlegen.

  9. Bundesverfassungsgericht . (2009). Urteil vom 30. Juni 2009 (Lissabon-Vertrag), BVerfGE 123, 267 .
    • Kernaussage: Die europäische Integration ist verfassungsrechtlich zulässig, aber nur solange Deutschland ein souveräner demokratischer Staat bleibt; die EU darf sich nicht ohne eine ausdrückliche demokratische Neugründung durch das deutsche Volk zu einem Bundesstaat entwickeln.

  10. Polanyi , K. (1944/2001). Die große Transformation . Beacon Press.
    • Nicht EU-spezifisch, aber analytisch aussagekräftig: Märkte benötigen eine politische Einbettung; unterstützt die These, dass Märkte kontinentalen Ausmaßes ohne kontinentale Steuerung instabil sind.

Was wäre, wenn Europa der Schweiz beiträte?

Ein politisches Gedankenexperiment zum 1. April Ich nutze die Mehrdeutigkeit dieses Datums, das einen Freiraum  für allerlei unwahre N...