2026-02-07

Ein Mosaik erwacht – Eine Antrittsrede

Letzte Nacht hatte ich einen Traum. Ich träumte, ich hörte die Antrittsrede des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Europa an die europäischen Völker, etwa um das Jahr 2029/2030. Nach dem aufwachen habe ich noch schlaftrunken versucht, die Bruchstücke meiner Erinnerung zusammenzusetzen und die rhetorischen Lücken zu füllen.

Das ist das Ergebnis:

An meine europäischen Mitbürger

Bürger der Europäischen Föderation, vor vierundachtzig Jahren, in einem vor einem noch ganz unter dem Eindruck der den Nachwirkungen des Krieges stehenden Publikum in Zürich, sprach Winston Churchill  [1] von einer „Lösung“, die die meisten für reine Fantasie hielten. Er sprach von den „Vereinigten Staaten von Europa“. Während der seither vergangenen Jahrzehnte haben wir diese Vision eher wie ein kostbares Erbstück  behandelt – gelobt in Reden, aber für ein unbestimmtes „Irgendwann“ sicher hinter dem Glas einer Vitrine  verwahrt.

Heute öffnen wir diese Vitrine.

Wir stehen heute nicht hier, weil es so einfach war oder weil wir endlich in allen Punkten übereinstimmen konnten. Wir stehen hier, weil, wie Mario Draghi einst warnte, die Welt aufgehört hat, darauf zu warten, dass Europa schließlich zu sich selbst findet. Wir stehen hier, weil das „sterbliche Europa“ unserer Vergangenheit – bedrängt von den Giganten des Ostens und Westens – sich endlich entschieden hat zu leben.

Der Monolith und das Mosaik

An die Welt jenseits unserer Grenzen gerichtet: Hört gut zu:  Europa ist nun geeint. Die Ära des “konföderierten Gemurmels” ist vorbei. Von diesem heutigen Tag an werden unseren Handel, unsere Sicherheit und unsere Souveränität in unsere eigenen Hände. Wir werden mit einer einzigen, unmissverständlichen Stimme sprechen. Wir sind von Natur aus friedliebend, aber immer auch verteidigungsbereit. Wir bitten nicht länger um einen Platz am Tisch der Großmächte. Wir haben unseren eigenen geschaffen.

Doch an die Bürgerinnen und Bürger innerhalb unserer Grenzen richten wir dieses Versprechen:  Europa bleibt vielfältig.  Unsere Stärke liegt nicht darin, ein „Schmelztiegel“ zu werden, der die polnische Seele, den französischen Geist oder den griechischen Intellekt auslöscht. Unsere Föderation ist im Inneren ein  Mosaik , kein Monolith, wie er nach außen wirkt. Unsere neue  Charta der Vielfalt  stellt sicher, dass wir zwar zum Überleben zusammenstehen, aber im Herzen 27 bleiben. Der „Brüsseler Bürokrat“ wurde durch den „Hüter gemeinsamer Interessen“ ersetzt – einen überzeugten Vertreter der Aufklärung, der weiß, dass die besten Entscheidungen bürgernah getroffen werden.

Die Wiedergeburt der Aufklärung

Unsere Gründung ist nicht nur ein Vertrag. Sie ist eine Philosophie. Wir sind die nachkommen der Europäischen Aufklärung.

  • Wir stellen  die Vernunft  über kleinliches "Stammesdenken" aus der Vergangenheit.

  • Wir wählen  die Freiheit  es Einzelnen anstelle der algorithmischen Kontrolle, die des Ostens.

  • Wir entscheiden uns für den  Gesellschaftsvertrag  und gegen die ungezügelte Individualität des Westens.

Die USA hatten 1790 ihren "Hamiltonscher Moment" [2] , unserer beginnt schon morgen. Wir werden die Wunder des nächsten Jahrhunderts finanzieren – nicht etwa mittels 27 konkurrierender Haushalte, sondern durch einen einzigen, gewaltigen europäischen Innovationsmotor. Wir werden die Zukunft nicht nur regulieren. Wir werden sie gestalten.

Die ersten 100 Tage: Unser Versprechen

In den nächsten 100 Tagen werden wir nicht einfach nur Gesetze verabschieden; wir werden unsere Realität verändern..

  1. Mit einer Stimme: Unsere Botschaften werden zusammengelegt und unser militärisches Kommando vereinheitlicht, um sicherzustellen. Kein europäischer Soldat jemals wieder allein dastehen.

  2. Die Staatsanleihen: Wir werden die größte Investition in grüne und Fusionsenergie und KI-Autonomie starten, die die Welt je gesehen hat.

  3. Am Puls der Bürger: Wir werden die Bürokratie bändigen, die unsere Kleinstädte erstickt hat, und die Macht in die Regionen zurückbringen, während die Föderation die Tore bewacht.

Mit dem heutigen Tag wird Geschichte geschrieben. Nicht als den Tag, an dem wir unsere nationalen Identitäten aufgaben, sondern als den Tag, an dem wir endlich den Mut fanden, sie zu schützen. Wir sind nicht länger ein Spielball der Imperien. Wir sind die Europäische Föderation. Wir sind der Dritte Weg.

Europa soll sich erheben!!

Epilog

Vermutlich  war dieser Traum durch den empfundenen Widerspruch inspiriert, dass der Ruf nach der erforderlichen Transformation des losen europäischen Staatenbundes zu einem Bundesstaat in den letzten 80 Jahren aus vielen prominenten Mündern zu hören war, ohne das etwas geschah. Es gab kaum Gegenmeinungen. Tatsächlich wurde dazu praktisch nichts dazu entgegnet – nur freundliches Nicken und bewusstes Ignorieren.

Welche gegenläufigen Kräfte hielten uns so lange zurück? Waren es Trägheit, Ängste, persönliche Karriereerwägungen oder der freundliche, aber bestimmte Hinweis einer Großmacht, dass „wir“ das nicht wollten?

Diese Gedanken gingen mir schon den Kopf, bevor ich ins Bett ging.

Da diese Forderungen nun wieder immer häufiger zu hören sind, können wir das als Zeichen dafür werten, dass die Vision von der Vollendung dieses unvollendeten historischen Prozesses wieder an Bedeutung gewinnt? Seit mehr als 80 Jahren wartet die, in diesen Reden vage angedeutete „Zukunft“ auf ihre Verwirklichung.

Ist ihre Zeit nun endlich gekommen?

Aufbauend auf den philosophischen Grundlagen der "Europäer des Planeten" ist derzeit ein weiterer politischer Essay in Arbeit, der demnächst hier erscheinen wird.

Also bitte, dran bleiben.

Einige historische Fußnoten

[1] Winston Churchill’s "Zürcher Rede" (1946)

Am 19. September 1946 hielt Winston Churchill an der Universität Zürich eine wegweisende Rede. Zu einer Zeit, als Europa buchstäblich in Trümmern lag, schlug er die Gründung der “Vereinigten Staaten von Europa” vor, um ein Wiederaufflammen von Nationalismus und Krieg zu verhindern.

  • Die Erkenntnis: Churchill erkannte, dass nur eine einheitliche Struktur die Sicherheit und den Wohlstand gewährleisten konnte, die für die Erholung des Kontinents notwendig waren.

  • Die Nuance: Obwohl er ein „Sponsor“ der Idee war, betrachtete er Großbritannien bekanntermaßen eher als freundlichen Nachbarn dieser Föderation denn als direktes Mitglied – eine Spannung, die die europäische Politik für die nächsten 75 Jahre prägte.

[2] Der „Hamiltonsche Moment“

Dieser Begriff bezieht sich auf Alexander Hamilton , den ersten Finanzminister der USA, der 1790 den US-Kongress davon überzeugte, die Schulden der einzelnen Bundesstaaten zu „übernehmen“ und damit faktisch eine einzige Bundeskreditsumme schuf.

  • Warum das für Europa wichtig ist: In der modernen EU-Politik bezeichnet ein „Hamiltonscher Moment“ die Entstehung gemeinsamer europäischer Schulden (erstmals zu sehen beim Wiederaufbaufonds NextGenerationEU 2020).

  • Die Transformation: Sie markiert den Übergang von einer „Ansammlung von Staaten“ zu einer „Fiskalunion“. Wenn die Föderation gemeinsam Kredite aufnimmt, gewinnt sie die wirtschaftliche Stärke einer Supermacht, wodurch sie massive Projekte (wie die Energieunabhängigkeit) finanzieren kann, die sich keine einzelne Nation allein leisten könnte.

2026-02-06

The Awakening of the Mosaic - An Inaugural Address


Last night I had a dream. I dreamed that I was listening to the inaugural address of the President of the United States of Europe to the European peoples sometime around 2029/2030. I woke up enthused and tried to piece together the fragments of my memory and fill in the rhetorical gaps.

This is the result:

To my European fellow citizens

Citizens of the Federation, eighty years ago, in a Zurich Hall filled with the echoes of war, Winston Churchill spoke [1] of a "remedy" that most called a fantasy. He spoke of the "United States of Europe". For decades, we treated that vision like an heirloom - admired in speeches, but kept safely behind the glass of "eventually."

Today, we break the glass.

We do not stand here because it was easy, or because we finally found a way to agree on everything. We stand here because, as Mario Draghi once warned us, the world stopped waiting for Europe to find its pulse. We stand here because the "mortal Europe" of our past—squeezed by the giants of the East and West—has finally chosen to live.

The Monolith and the Mosaic

To the world beyond our borders, hear this clearly: Europe is now one. The era of the "confederated whisper" is over. From this day forward, our trade, our security, and our sovereign will speak with a single, monolithic voice. We are peaceful by nature, but we are defence-ready by necessity. We no longer ask for a seat at the table of Great Powers; we have built our own.

Yet, to the citizens within our borders, hear this promise: Europe remains many. Our power lies not in becoming a "melting pot" that erases the Polish soul, the French spirit, or the Greek intellect. Our Federation is a Mosaic, not a monolith. Our new Charter of Diversities ensures that while we act as one for our survival, we remain twenty-seven for our hearts. The "Brussels Bureaucrat" has been replaced by the "Federal Guardian" - a servant of the Enlightenment who knows that the best decisions are made closest to the people.

The Enlightenment Reborn

Our foundation is not just a treaty. It is a philosophy. We are the children of the Enlightenment.

  • We choose Reason over the tribalism of the past.

  • We choose Liberty over the algorithmic control offered by the East.

  • We choose the Social Contract over the unchecked volatility of the West.

Our "Hamiltonian Moment" [2] begins tomorrow. We will fund the miracles of the next century - not through 27 competing budgets, but through a single, massive European engine of innovation. We will not just regulate the future. We will build it.

The First 100 Days: Our Vow

In the next 100 days, we will not merely pass laws; we will transform our reality.

  1. The Single Voice: Our embassies will merge, and our military command will unify, ensuring no European soldier ever stands alone again.

  2. The Sovereignty Bonds: We will launch the greatest investment in green fusion and AI autonomy the world has ever seen.

  3. The Civic Pulse: We will strip away the red tape that has choked our small towns, returning power to the regions while the Federation guards the gates.

Let history record this day. Not as the day we gave up our national identities, but as the day we finally found the courage to protect them. We are no longer a playground for empires. We are the European Federation. We are the Third Way.

Let Europe arise!

Epilogue

Most probably this dream was inspired by the perceived enigma that the call for the necessary transition from the loose European confederation to a federation, has been echoed by many prominent voices over the past 80 years. There were hardly any dissenting voices. In fact, there was essentially no comment on it - just friendly nods and deliberate ignorance.

What were the opposing forces that held us back for so long? Was it inertia, fears, personal career considerations, or the friendly but firm suggestion from a major power that ‘we’ didn't want that?

These thoughts had been going through my mind before I went to bed.

Now that these calls are being heard more and more frequently again, can we take that as an indication that the vision of the completion of this unfinished historical process is gaining traction again? It gave me the feeling that the "future" vaguely expressed in these various speeches has been waiting to happen for 80 years.

Has the time of their incarnation finally arrived?

Based on the philosophical foundations of the "Europeans of the Planet" another political essay is currently in the making and will appear here soon.

So, please stay tuned.

Some Historical Footnotes

[1] Winston Churchill’s "Zurich Speech" (1946)

On September 19, 1946, Winston Churchill delivered a landmark speech at the University of Zurich. At a time when Europe was literally in ruins, he proposed the "United States of Europe" as a way to prevent the recurrence of nationalism and war.

  • The Insight: Churchill recognized that only a unified structure could provide the security and prosperity needed for the continent to recover.

  • The Nuance: While he was a "sponsor" of the idea, he famously viewed the UK as a friendly neighbour to this federation rather than a direct member—a tension that shaped European politics for the next 75 years.

[2] The "Hamiltonian Moment"

This term refers to Alexander Hamilton, the first US Treasury Secretary, who in 1790 convinced the US Congress to "assume" the debts of the individual states, effectively creating a single federal credit.

  • Why it matters for Europe: In modern EU politics, a "Hamiltonian Moment" refers to the creation of joint European debt (first seen in the 2020 NextGenerationEU recovery fund).

  • The Transformation: It marks the shift from a "collection of states" to a "Fiscal Union." When the Federation borrows as one, it gains the economic gravity of a superpower, allowing it to fund massive projects (like energy independence) that no single nation could afford alone.

Ein Mosaik erwacht – Eine Antrittsrede

Letzte Nacht hatte ich einen Traum. Ich träumte, ich hörte die Antrittsrede des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Europa an ...